Erinnerungen an Mama

Mord ist ihr Hobby: Die gemütlichen Mordfälle meiner Kindheit

Veröffentlicht:

von Antje Wessels

"Mord ist ihr Hobby" (1984) mit Jessica Fletcher (Angela Lansbury)

Bild: United Archives / Privat / Adobe Stock


Als Kind habe ich unzählige Abende mit meiner Mutter auf dem Sofa verbracht, während im Fernsehen "Mord ist ihr Hobby" lief. Damals habe ich einfach mitgerätselt. Heute merke ich, wie sehr sich diese Serie nach Zuhause und gemeinsamen Fernsehabenden anfühlt.

Wenn ich an meine Kindheit denke, gibt es ein sehr klares Fernsehbild: ein Wohnzimmer am frühen Abend, meine Mutter auf dem Sofa, ich irgendwo daneben und im Fernsehen läuft "Mord ist ihr Hobby". Eigentlich war ich damals noch viel zu jung für eine Serie, in der in jeder Folge jemand stirbt. Aber so habe ich das nie wahrgenommen. Für mich war das keine Krimiserie, sondern eher ein gemütliches Rätselspiel. Und im Mittelpunkt stand diese eine Figur, die mir sofort sympathisch war: Jessica Fletcher, gespielt von Angela Lansbury († 2022).

Fernsehen als gemeinsames Ritual

Meine Mutter liebte diese Serie. Ich glaube, sie hat kaum eine Folge verpasst. Wenn sie lief, wusste ich: Jetzt wird es ruhig im Wohnzimmer. Keine Hektik, kein wildes Zappen, einfach eine Stunde, in der wir zusammen auf dem Sofa sitzen und Cabot Cove besuchen. Ich erinnere mich noch genau an das Gefühl dabei. Die Titelmusik begann, Jessica Fletcher schrieb irgendwo an ihrer Schreibmaschine, und kurz darauf passierte das Unvermeidliche: Irgendwo lag plötzlich eine Leiche.

Als Kind fand ich das erstaunlich normal. Was mich viel mehr beschäftigte, war die Frage: Wer war es diesmal? Ich habe ernsthaft versucht, mitzurätseln. Meine Mutter war darin deutlich besser als ich. Manchmal flüsterte sie schon nach der Hälfte der Folge: "Der war’s bestimmt." Und erstaunlich oft hatte sie recht. Zumindest in meiner heutigen Erinnerung. Für mich gehörte dieses Mitraten fest zum Erlebnis. Es fühlte sich ein bisschen an wie ein Spiel zwischen uns.


Jessica Fletcher: die coole Hobbydetektivin

Rückblickend muss ich sagen: Jessica Fletcher war für mich damals eine der beeindruckendsten Figuren im Fernsehen. Auch wenn ich damals natürlich noch längst nicht den Film- und Fernseherfahrungsschatz hatte wie heute. Sie war keine Polizistin und auch keine Detektivin im klassischen Sinne. Eigentlich war sie einfach nur Schriftstellerin. Und trotzdem löste sie ständig Mordfälle mit einer Mischung aus Neugier, Intelligenz und dieser unglaublich freundlichen Hartnäckigkeit. Ich mochte besonders, dass sie nie laut oder dramatisch sein musste. Sie hörte zu. Sie stellte Fragen. Und irgendwann setzte sie sich mit allen Beteiligten in einen Raum und erklärte ruhig, wer der Täter war. Als Kind war ich davon völlig fasziniert.

Heute merke ich erst, wie ungewöhnlich diese Figur eigentlich war: eine ältere Frau als Hauptfigur einer erfolgreichen Krimiserie, die niemandem etwas beweisen musste und trotzdem immer die klügste Person im Raum war. Ich habe mal recherchiert: Das gibt es auch heute noch. Aber wer hat denn schon mal von den Serien "The Madame Blanc Mysteries", "Vera", "My Life is Murder" oder "Agatha Christie‘s Marple" gehört?

Wie sich die Serie heute anfühlt

Vor einiger Zeit habe ich aus Neugier mal wieder in eine Folge reingeschaut. Wie praktisch, dass es die Serie aktuell auf Joyn zu streamen gibt. Ich wollte wissen, ob diese Erinnerung noch funktioniert, oder ob die Serie heute vielleicht altmodisch wirkt. Und ja, sie ist definitiv langsamer als viele moderne Krimis. Aber was mich überrascht hat: Es fühlte sich sofort wieder vertraut an. Die Geschichten nehmen sich Zeit. Die Figuren reden miteinander, statt ständig herumzurennen. Und selbst wenn ein Mord passiert, bleibt der Ton erstaunlich ruhig. Niemand schreit dramatisch durch die Gegend. Stattdessen gibt es Gespräche in Wohnzimmern, auf Veranden oder bei einer Tasse Kaffee. Alles ganz ohne die Hektik des modernen (Krimi-)Fernsehens.


Ein kleines Stück Vergangenheit

Natürlich sehe ich "Mord ist ihr Hobby" heute trotzdem mit anderen Augen. Als Kind habe ich einfach nur mitgerätselt. Heute fällt mir viel stärker auf, wie charmant die Serie erzählt ist und wie sehr alles von Jessica Fletcher getragen wird. Vor allem aber erinnert sie mich jedes Mal an diese Abende mit meiner Mutter. Fernsehen ist ja oft etwas Flüchtiges. Man schaut etwas, und ein paar Wochen später hat man es schon wieder vergessen. Aber manche Serien bleiben an bestimmten Momenten hängen.

Wenn ich heute die Titelmusik höre, sehe ich sofort wieder dieses Wohnzimmer vor mir. Meine Mutter auf dem Sofa. Ich daneben, halb konzentriert, halb stolz, wenn ich glaubte, den Täter erkannt zu haben. Und irgendwo mittendrin Jessica Fletcher, die am Ende alles aufklärt. Für mich wird diese Serie deshalb immer mehr sein als nur ein Krimi. Sie ist ein kleines Stück Kindheit - und ein ziemlich gemütliches noch dazu.

Mehr entdecken