ARD und ZDF
Wie bunt ist das deutsche Fernsehen? Max und Edwin auf Spurensuche
Veröffentlicht:
von Edwin B. und Maximilian K.Unsere queeren Storyline-Picks!
Bild: AdobeStock_12998204, AdobeStock_2037973519, Joyn/Edwin
Die Joyn-Redakteure Max und Edwin sind sonst eher Streaming-Fans. Aber sie haben sich zum Pride Month die Frage gestellt: "Können die deutschen Öffis eigentlich queer?". So sind sie ins Programm von ARD und ZDF eingetaucht und präsentieren ihre persönlichen Picks!
Hallo! Hier sind Max und Edwin. Wir haben uns im Zuge des Pride Months die Frage gestellt: "Können die deutschen Öffis eigentlich queer?"
Wir beide greifen öfter gerne zu Streamern und schauen dort unsere Serien - mit den gängigen Formaten im Ersten oder Zweiten haben wir uns bisher nicht wirklich viel beschäftigt. Und genau das wollten wir ändern! Wir haben uns jeweils eine queere Storyline aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen herausgepickt und stellen sie euch jetzt vor!
Edwins Pick: "Tatort: Das Opfer" - Die herzzerbrechende Backstory des jungen Robert Karow
Im "Tatort: Das Opfer" erfahren wir etwas über die Vergangenheit des Ermittlers Robert Karow, denn ihn scheint besonders der Fall um den Toten Robert Schwarz nicht wirklich loszulassen. Ihm fällt direkt auf, dass das nicht sein echter Name ist. Es war ein Kindheitsfreund von ihm: Maik Balthasar.
Als Camilla Peters, eine seiner Verbündeten in dem Fall genauer nachhakt, warum er so emotional involviert ist, lenkt der Ermittler ab. Aber als sie dann mit ihm auf den neuen Beweis schaut, fällt ihr auf: Maik war in Sammy Paroussi verliebt, den Callboy seines vermeintlichen Mörders: Mesut Günes. Als der Pankow-Berliner das erfährt, wird er schnippisch und laut.
Ungewohnt für den sonst wortkargen und sturen Ermittler. "Er hat niemanden geliebt, seine Kinder und seine Eltern nicht. Nicht mal sein Leben. Niemanden!" Er wird wütend und verlässt ihre Wohnung. Spätestens ab dem Punkt im Tatort wird klar: Für Robert Karow war Maik mehr als nur ein Kindheitsfreund.
Der "Tatort" im Ersten sonntags um 20:15 Uhr
Karow ist einer der ersten offen bisexuellen Kommissare im Tatort-Universum. Dies lebt er in der Folge auch direkt aus: Nachdem er, immer noch wütend wegen der Erkenntnis über seinen ehemaligen Schwarm Maik, in jemanden reinstößt, wird diese hitzige Situation mit einem Kuss zwischen ihm und dem Fremden entschärft. Bi-King.
Der Tatort ist gefüllt mit Backstorys zum jungen Karow. Damals erwischte sein Vater ihn, als er Maik in seinem Arbeitszimmer küsst. Karow dachte bis zum Abschluss des Falls, dass sein Vater seinen Schwarm geoutet hatte.
Es war das einzig Gesunde, was ich je gefühlt habe für einen Menschen.
Seine längste und vor allem für die Serie prägendste Beziehung hat er mit seiner Kollegin Nina Rubin, welche aber mehr einer Situationship gleicht.
Ich habe mir bisher nur eine Tatort-Folge angeschaut und das war der Dresdener "Tatort". Das war jetzt mein erster Berliner "Tatort" und ich bin begeistert! Die Spannung ist wirklich top, die Charaktere sind gut geschrieben und man fiebert richtig mit. Die Backstorys des jungen Karow waren mein Highlight, man konnte richtig mitfühlen und vor allem sich mit den beiden sorgen.
Lust auf mehr spannende Krimis?
Max' Pick: "Becoming Charlie: Weder Mann noch Frau - wo ist mein Platz?"
Ich habe mir "Becoming Charlie", eine Coming-Of-Age-Serie des ZDF angeschaut. Charlie ist non-binär und steckt in einer Identitätskrise auf der Suche nach sich selbst und versucht die eigenen Gefühle durch Rap zum Ausdruck zu bringen.
Will hier fort - weit weg an einen anderen Ort. Raus - ich halt’s hier nicht aus.
Raus. Raus aus der tristen Plattensiedlung in Offenbach. Raus aus den Geschlechter-Normen. Raus aus sich selbst. Immer wieder blickt Charlie während der Serie in den Himmel und beobachtet ein Flugzeug, das vorbeifliegt. Quasi eine visuelle Untermalung der Situation.
Um sich über Wasser zu halten, arbeitet Charlie bei einem Lieferdienst und muss sich gleichzeitig mit einer Mutter herumschlagen, die ihr eigenes Leben nicht im Griff hat. Sie ist in der Serie die Antagonistin. Charlies Mutter gibt ihr gesamtes Geld für unnötigen Ramsch aus und kann keine Empathie und kein Mitgefühl für Charlies Situation finden. Im Gegenteil, sie möchte ihr Kind zwingen, sich als Frau zu identifizieren: Mother of the year. Beim Schauen habe ich selbst regelrecht Wut und Frust darüber empfunden, wie toxisch und manipulativ sie mit Charlie umgeht. Wahrscheinlich soll ihr Charakter genau das Gefühl auslösen. Damit man als Zuschauer:in vielleicht im Ansatz versteht, mit wie viel Unverständnis und Frust non-binäre Personen in ihrem Leben konfrontiert sind.
Es ist nicht verwunderlich, dass Charlie ausbrechen will und sich ihre Familie selbst sucht. Da ist zum einen Niko, ihr schwuler bester Freund. Er hat etwas mit dem Fitnessstudio-Besitzer Mirko, traut sich aber nicht, seine Sexualität offen zu zeigen. Charlies ältere Schwester lebt zusammen mit ihrer Frau im gleichen Wohnblock. Trotz vieler Auseinandersetzungen ist Fabia am Ende immer für Charlie da - wie eine Art Ersatzmutter. Und dann ist da noch Ronja. Sie ist in einer polyamorösen Beziehung und fungiert in der Serie als Lexikon für alles, was man über LGBTQ+ wissen muss. Unter anderem erklärt sie Charlie und den Zuschauenden, welche Geschlechteridentitäten und Beziehungsformen es gibt. Charlie fühlt sich stark zu Ronja hingezogen, die ihr ganz neue Seiten von Charlies eigener Sexualität aufzeigt.
In jeder Folge der Serie stolpert Charlie von Problem zu Problem: Schulden, abgestellter Strom, kaputter Autolack, Gefühlschaos. Das Schöne daran ist: Charlie ist resilient - und findet am Ende für alles eine Lösung. Dabei zeigt die Serie auf herzerwärmende Weise, dass man Probleme nicht immer allein angehen muss und man nach Hilfe fragen kann.
Gleichzeitig schafft es "Becoming Charlie" über clevere Kameraperspektiven, Schnittbilder und Analogien, die Schwierigkeiten in Charlies Identitätskrise darzustellen, einzuordnen und zu erklären. Ein Vogel, der beide Geschlechter annehmen kann, oder Flüsse, die in beide Richtungen fließen können, je nachdem wie viel es geregnet hat. Ein Aspekt der Serie, der mir besonders gut gefallen hat.
Charlies Umfeld ist bunt und divers, ganz selbstverständlich und ohne plakativ zu sein. Die Musik gibt Charlie Halt und hilft den Zuschauenden ihre Gefühlswelt besser zu verstehen. Ihre Texte zeigen eindrucksvoll, wie kompliziert es ist, sich als non-binäre Person selbst zu finden:
"Es ist dunkel, mach mal Licht, check nicht was es ist, guck in den Spiegel und erkenn mich nicht."
"Wer ich bin, hab ich zu lange nicht gewusst, ich hab mich verbrannt so wie Ikarus. Wollte jemand sein, der ich gar nicht bin, wollte zur Sonne, hab's nicht gesehen, ich trag sie in mir drin."
Ich fühl mich fremd, weil nichts davon für mich passt. Weder Mann noch Frau - wo ist mein Platz? Ich habe kein Konzept und keine Theorien, nur diese Melodien.
Durch das Umfeld, durch Mut und die Musik findet Charlie letztendlich eine passende Identität. In der letzten Szene der Serie steht Charlie mit Freund:innen am Wasser und notiert sich auf dem Handy:
Pronomen:
Charlie.
"Becoming Charlie" schafft es trotz der vielen schweren und komplizierten Themen, die Zuschauer:innen mit einem guten Gefühl zurückzulassen. Einem hoffnungsvollen Gefühl, dass jede:r seinen Platz in dieser Welt finden kann - wenn man zu sich selbst steht.
Charlies Charakter habe ich durch das tolle Schauspiel von Lea Drinda ab Minute eins direkt ins Herz geschlossen. Charlie ist neugierig, voller Energie und hat eine klare Haltung. Man lässt sich von dem jugendlichen Leichtsinn und der Lebensfreude direkt anstecken und leidet aber auch mit, dementsprechend habe ich jedes Mal wieder aufs Neue mitgelitten, wenn Charlie auf die Schnauze fiel.
Die Serie ist kurzweilig und hat mich durch ihre schnelle Erzählweise direkt abgeholt. Jede Szene hat Bedeutung und trägt etwas zu Charlies Entwicklung und Charakterbildung bei. Ich hatte danach das Gefühl, ein besseres Bild davon zu haben, was non-binäre Menschen tagtäglich erleben müssen: Keine Zugehörigkeit, kein Verständnis, wenig Mitgefühl und fehlende Aufklärung.
Wer auch das Gefühl hat, zu wenig über Nonbinarität zu wissen, dem möchte ich diese tolle Mini-Serie unbedingt ans Herz legen. In der Kürze der Zeit können logischerweise nicht alle Fragen beantwortet werden, aber es ist ein guter Start, wenn man sich mehr damit auseinandersetzen möchte. Ich finde: good job, ZDF.
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