Bequemlichkeit am Chiemsee
Warum mich der Erfolg der ZDF-Serie "Rosenheim-Cops" nervös macht
Veröffentlicht:
von Antje WesselsDas denkt Filmkritikerin Antje Wessels über den Erfolg der Kultserie.
Bild: ZDF und Markus Sapper, privat
Die ZDF-Serie "Rosenheim-Cops" begeistert seit Jahren Millionen Zuschauer:innen. Filmkritikerin Antje Wessels sieht das Problem nicht in ihrem Erfolg, sondern darin, was eben dieser Erfolg über unsere Sehgewohnheiten verrät.
Es gibt Serienerfolge, die ich nachvollziehen kann - und dann gibt es die "Rosenheim-Cops". Seit inzwischen mehr als zwei Jahrzehnten lockt die Krimiserie regelmäßig Dutzende Menschen vor den Fernseher, Wiederholungen inklusive. Während Streaming-Dienste immer lauter und provokanter um Aufmerksamkeit kämpfen und TV-Sender verzweifelt nach dem nächsten großen Hit suchen, reicht in Rosenheim eine Leiche am Chiemsee und das Publikum frohlockt. Das Beeindruckende daran ist nicht einmal, dass das Krimi-Konzept funktioniert. Nervös macht mich vielmehr, was dieser Erfolg über uns als Publikum aussagt. Denn je länger ich darüber nachdenke, desto mehr wirkt die ZDF-Serie "Die Rosenheim-Cops" wie ein Symptom für eine Entwicklung, die weit über eine einzelne Vorabendserie hinausgeht.
"Die Rosenheim-Cops" laufen jeden Dienstag um 19:25 Uhr
"Die Rosenheim-Cops": Die perfekte Komfortzone
Natürlich muss ich eingestehen: Der Erfolg der "Rosenheim-Cops" kommt nicht von ungefähr. Die Serie macht praktisch alles, was moderne Fernseh-Strateg:innen eigentlich vermeiden wollen. Sie überrascht kaum, sie erfindet sich nicht neu und sie geht auch keine großen Risiken ein. Das bedeutet aber auch: Wer eine Folge einschaltet, weiß ziemlich genau, was ihn erwartet. Neben Postkarten-Bildern von Oberbayern (ja, auch ich mache da gern Urlaub!) und sympathischen Ermittler:innen gibt es in der Regel einen Mordfall mit ein paar Verdächtigen und einer Auflösung.
Genau das scheint für viele Zuschauerinnen und Zuschauer inzwischen ein entscheidender Vorteil zu sein. Denn die "Rosenheim-Cops" sind verlässlich - und das Publikum muss kein Vorwissen mitbringen. Es kann also - wie man es sonst vor allem von Seifenopern kennt - jederzeit einschalten und muss nicht erst Tausende von Staffeln nachholen. Außerdem muss niemand Angst haben, dass die eigene Lieblingsfigur auf brutale Weise aus der Handlung geschrieben wird, oder man sich plötzlich mit hanebüchenen Twists konfrontiert sieht. Ich würde "Die Rosenheim-Cops" als Fernsehäquivalent der eigenen Stammkneipe bezeichnen. Da gehen Leute schließlich auch hin, weil diese genau wissen, was sie erwartet - und weil sie sich genau deshalb darin wohlfühlen. Aber nun komme ich zur Ausgangsfrage zurück: Warum ist gerade diese Form von Fernsehen heute erfolgreicher denn je?
Bloß nichts Neues: Was der Erfolg der Rosenheim-Cops über uns verrät
An all dem ist natürlich erst einmal nichts falsch. Niemand ist verpflichtet, Fernsehen als "kulturelle Mutprobe" zu begreifen. Nach einem langen Arbeitstag darf Unterhaltung selbstverständlich einfach nur unterhalten. Und trotzdem beschleicht mich beim Blick auf den anhaltenden Erfolg der "Rosenheim-Cops" ein ungutes Gefühl. Denn manchmal frage ich mich, ob wir als Publikum heutzutage einfach nicht mehr herausgefordert werden wollen. Anstatt Experimente mit neuen Erzählformen oder Geschichten, die unbequeme Themen verhandeln, feiern wir Formate, die uns garantieren, dass nichts (Unerwartetes) passiert. Aber sollte Vorhersehbarkeit ein Qualitätsmerkmal sein? Beziehungsweise ein Erfolgsgarant? Ich denke nicht!
Was mich also nervös macht, ist also gar nicht die Serie selbst. Sondern die Vorstellung, dass derartige Formate für viele Zuschauer:innen zu einer Idealvorstellung davon geworden sind, was Fernsehen sein soll. Und Mut, Originalität und Überraschung gehören offenbar nicht dazu. Vielleicht erklärt das auch, warum Sender immer häufiger auf Bewährtes setzen und eher bekannte Marken wiederbeleben, als neue zu erschaffen. Ein auch im Kino aktuell zu beobachtendes Phänomen, wo Filme wie "Top Gun: Maverick" zu riesigen Erfolgen werden, obwohl sie eigentlich nur wiederholen, was ihre Vorgänger schon gemacht haben. Aber wenn das Publikum (fast) nur noch Vertrautheit belohnt, wem soll man es dann verdenken, wenn - schon aus wirtschaftlicher Sicht - kein Mut mehr aufgewendet wird, um neue Ufer zu erkunden?
Summa summarum: Genau deshalb bereitet mir der Erfolg der "Rosenheim-Cops" Sorge - nicht, weil Millionen Menschen die Serie schauen. Und ja: Natürlich habe auch ich mein filmisches Comfort Food und schaue auch gern zum x-ten Mal die immer gleichen Serien. Aber irgendwie bin ich dann ja auch ein Teil des Problems. Vielleicht sollten wir uns alle hin und wieder aus unserer Komfort-Zone rausbegeben und schauen, was da jenseits vom Chiemsee noch auf uns wartet.
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