Blick hinter die Kulissen

Zeug:innen Jehovas: Wer sie sind und woran sie glauben

Aktualisiert:

von Andreas I.

Die Zeug:innen Jehovas sind wohl am bekanntesten für ihre Haustür-Missionen zur Verbreitung ihres Glaubens. Welche Promis der Glaubensgemeinschaft angehören, warum sie kein Weihnachten und Co. feiern und vieles mehr, erfährst du hier.

Woran glauben die Zeug:innen Jehovas?

Fundament ihres Glaubens ist die Bibel, bestehend aus dem Neuen und dem Alten Testament. Sie lehren dabei eine eigene Übersetzung der Bibel, die sogenannte "Neue-Welt-Übersetzung", die von sonst keiner anderen religiösen Gemeinschaft Anerkennung findet. Ihre übersetzte Bibel betrachten die Zeug:innen Jehovas als allein gültige Wahrheit. Lehren wie die Evolutionstheorie, welche der Bibel widerspricht, lehnen sie ab. Ihr allmächtiger Gott ist Jehova, der das Universum sowie das Leben erschuf. Sein Sohn in leiblicher Gestalt ist Jesus Christus. Nicht selten bezeichnen Andersgläubige die Zeugen Jehovas als Sekte, was sie vehement ablehnen. Allerdings bezeichnen sie ihrerseits alle anderen christlichen Kirchen als "Sekten der Christenheit". Zeugen Jehovas glauben nicht an eine unsterbliche Seele und ein damit verbundenes ewiges Leben. Stattdessen sollen 144.000 gottestreue Menschen unsterbliches Leben im Himmel an der Seite von Jesus Christus erhalten. Sie sollen nach einem Harmagedon die Geschicke der "treuen" Überlebenden auf der Erde lenken.

Seite aus "Der Wachtturm"

Bild: picture alliance / Lukas Schulze


Warum feiern die Zeug:innen Jehovas kein Weihnachten, kein Ostern und keine Geburtstage?

Zeug:innen Jehovas lehnen christliche Feiertage wie Weihnachten oder Ostern sowie Geburtstagsfeiern als heidnische Feste ab.  In der Bibel steht nicht, dass Jesus am 24. Dezember geboren wurde oder, dass man dieses Fest feiern sollte. Das wichtigste Ereignis bei den Zeugen Jehovas ist einmal im Jahr das sogenannte Abendmahl zum Gedenken an Jesus Christi.

20 Fakten, die du schon immer über die Zeugen Jehovas wissen wolltest

  • Die religiöse Zeitschrift "Der Wachtturm" gibt es seit 1879, erscheint aktuell alle 2 Wochen in über 400 Sprachen bei einer weltweiten Auflage von 93 Millionen pro Ausgabe. Sie ist die Zeitschrift mit der höchsten Auflage weltweit.

  • Der Internetauftritt der Zeug:innen Jehovas ist in 985 Sprachen übersetzt.

  • Der soziale Umgang mit ausgetretenen Zeug:innen Jehovas ist weitgehend untersagt. Wer aussteigt, verliert damit meist sein gesamtes soziales Umfeld. Ausgenommen von dieser Regel sind Familienmitglieder.

  • Zeug:innen Jehovas sollen keine Ehe mit "Andersgläubigen" schließen.

  • Sex vor der Ehe - von Petting bis zum Geschlechtsverkehr - gilt als schweres Vergehen vor Gott und ist damit bei Zeug:innen Jehovas tabu. Dies ist in vielen Sekten beziehungsweise Glaubensgemeinschaften der Fall - unter anderem auch bei den "Hare-Krishna".

  • Die Bibel verbietet den Zeug:innen Jehovas jede Form von Homosexualität.

  • Eine Ehe gilt als heilig. Der einzige schriftgemäße Scheidungsgrund in der Bibel ist laut Zeug:innen Jehovas die "Hurerei" (sexuelle Unmoral).

  • Ein Leitsatz der Zeug:innen Jehovas lautet: "Prüft in allem, was ihr tut, ob es Gott gefällt."

  • Tabak und Drogen - außer Alkohol in Maßen - stehen bei den Zeug:innen Jehovas unter Verbot.

  • Außerdem ist der Verzehr von Blut, also damit auch Blutwurst verboten. Ansonsten kennen die Zeug:innen Jehovas keine religiöse Essensvorschriften.

  • Zeug:innen Jehovas lehnen Bluttransfusionen ab, weil sie mit der Bibel nicht vereinbar sind.

  • Jehovas Zeug:innen überlassen es allen Christ:innen selbst, ob sie sich impfen lassen. Viele haben sich sogar für eine Impfung entschieden. Sie sind also keine Impfgegner:innen.

  • Zeug:innen Jehovas dulden die Autorität des Staates, bleiben politisch aber immer neutral. Sie gehen nicht zur Wahl, demonstrieren nicht, bekleiden kein politisches Amt, meiden patriotische Handlungen und entsagen in jeder Hinsicht dem Militärdienst.

  • Zeug:innen Jehovas beklagen aktuell in 5 Ländern Inhaftierungen wegen ihres Glaubens: Russland, Singapur, Eritrea, Tadschikistan und Turkmenistan.

  • Zeug:innen Jehovas lehnen das Kreuz als religiöses Götzensymbol ab. Nach ihrem Glauben richteten die Römer Jesus an einem Pfahl hin.

  • Zeug:innen Jehovas befürworten grundsätzlich Bildung, fürchten aber sehr um die Moral ihrer Schäfchen während der Studienzeit.

  • Zeug:innen Jehovas sagten bereits 5-mal das Ende der Welt voraus: 1881, 1914, 1918, 1925 und 1975. Als sich die Prophezeiung 1975 nicht erfüllte, verlor die Glaubensgemeinschaft wegen mangelnder Glaubwürdigkeit viele ihrer Missionar:innen.

  • Ein Zeuge Jehovas ist immer ein aktives Mitglied seiner Glaubensgemeinschaft, passive Mitglieder sind nicht geduldet. Jede:r Gläubige opfert durchschnittlich 17 Stunden im Monat für die Missionierung an Haustüren oder öffentlichen Plätzen.

  • Die heiligen Stätten der Zeug:innen Jehovas für ihre Gottesdienste heißen Königreichssaal.

  • Die Religionsgemeinschaft ist nach langjährigen Rechtsstreitigkeiten heute in allen Bundesländern als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt.

Zeuginnen Jehovas verteilen ihre Broschüren "Wachturm" und "Erwachet".

Bild: picture-alliance / ZB


Verbreitung: Wie viele Mitglieder haben die Zeug:innen Jehovas?

Weltweit zählen die Zeugen Jehovas über 8,5 Millionen "Verkünder:innen", davon über 166.000 in Deutschland. Zu den prominenten Mitgliedern zählen unter anderem Serena Williams, Michael Jackson und Cliff Richard. Auch Oliver Pocher gehörte den Zeug:innen Jehovas an, allerdings ist er mittlerweile ausgetreten.

Gründung: Die Geschichte der Zeug:innen Jehovas

Alles begann 1869 mit Charles Taze Russell aus Pittsburgh, Pennsylvania (USA). Er war von den Lehren seiner Kirche enttäuscht und verstand nicht, warum ein Gott der Liebe für die Sünder ewige Qualen im Höllenfeuer anordnen könne. Daraufhin begann er selbst, die Bibel zu studieren - zunächst allein, doch bald in einem gegründeten Bibelkreis.

Charles Taze Russell legte 1879 das Fundament für die Zeug:innen Jehovas

Bild: picture alliance / akg-images


1879 veröffentliche Russell die erste Ausgabe seiner Zeitschrift "Zion's Watch Tower and Herald of Christ's Presence" - zu Deutsch: "Der Wachtturm verkündigt Jehovas Königreich". Nach dem Tod Russell's lenkte Joseph Franklin Rutherford ab 1917 die Geschicke der Bibelforschenden. Unter seinem strengen Regime spalteten sich viele der Bibeltreuen ab, um eigene Bibelkreise zu gründen. Um sich von den Abtrünnigen zu distanzieren, benannte Rutherford seine Gruppe in "Jehovas Zeugen" um.

In Deutschland erschien 1897 erstmals "Der Wachturm", 1903 eröffnete das erste deutsche Büro in Elberfeld (Wuppertal). Seitdem wuchs die Religionsgemeinschaft stetig an, bis 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Da Zeug:innen Jehovas sämtliche patriotischen Handlungen wie den Hitlergruß, Parteibeitritte sowie den Dienst an der Waffe ablehnen, waren sie von Verfolgungen betroffen. Die Nazis inhaftierten sie in Konzentrationslagern, folterten und ermordeten sie mitunter.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begannen die Zeug:innen Jehovas in Westdeutschland einen Neuanfang, während sie die DDR wegen "Boykott-Hetze" verbot. In anderen Ländern war die Situation noch heikler. Das sowjetische Regime etwa verfolgte Zeug:innen Jehovas und portierte sie reihenweise nach Sibirien. Bis heute gelten sie in Russland, wie in einigen anderen Ländern, als Sekte.


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