Präsentiert von

Was für ein cooler Typ!

"Ich habe einen 'Love Storm' bekommen": Jill über GNTM, seinen Weg und Queerness in der Gesellschaft

Veröffentlicht:

von Jan Islinger

Jill Deimel bei der Premiere der aktuellen GNTM-Staffel im Zoo Palast in Berlin Anfang Februar 2026.

Bild: Joyn


Male Model Jill wirkt glücklich und ausgeglichen. Doch das war nicht immer so. Der Frequenz-Resonanz-Coach hat eine bewegende Geschichte zu erzählen. Im Interview spricht er über seine Transition, Queerness und ein Rezept gegen Hass-Kommentare.


Die neue GNTM-Staffel ist gestartet!


Jill im exklusiven Interview

Was hat dich dazu bewegt, dich bei GNTM zu bewerben? Mit welchen Hoffnungen und Erwartungen bist du in das Abenteuer gestartet?

Jill: Es war schon der Traum meines früheren Ichs, damals noch im weiblichen Körper, irgendwann mal bei so einer Show dabei zu sein. Vorausgesetzt, ich fühle mich gut und die Teilnahme für Jungs ist gestattet.

Es gab ja jetzt schon ein paar Jungs-Staffeln, die hatte ich aber nicht verfolgt. Eigentlich ist mein kleinster, achtjähriger Neffe Moby verantwortlich für meine Teilnahme. Er hat immer geguckt und gesagt: "Onkel, warum bist du da eigentlich nicht? Du musst da hin!" Und da habe ich so gedacht: Ja, warum eigentlich nicht?

Es hat sich dann gut angefühlt. Ich bin mit der Hoffnung hingegangen, einfach ich selbst zu sein, Spaß zu haben und die Reise zu genießen, egal wie weit sie führt.

Du bist aktuell unter den Top 21 bei "Germany's Next Topmodel" 2026. Hast du vor Beginn der Staffel damit gerechnet, so weit zu kommen?

Also ehrlich gesagt war das Motto "planlos geht der Plan los". Zuerst war da der Impuls meines Neffen. Und dann war das Casting in Köln und ich bin hingegangen. Ich weiß schon, dass ich ein Typ bin, der auffällig ist, der Mode mag, und der schon eine Wirkung hinterlässt.

Aber über Geschmack lässt sich nicht streiten und überhaupt nicht diskutieren. Und deswegen war mir nicht klar, dass ich den Geschmack von Heidi so sehr treffen würde. Ich habe zwar damit gerechnet, dass es für mich ein paar Runden weitergehen könnte. Aber ich habe mir keinen Druck gemacht und keine Erwartungen gehabt. Mit dieser Einstellung war der Wettbewerb besser zu meistern.

Hat sich dein Alltag außerhalb der Show seit deiner Teilnahme verändert? Nimmst du bereits mehr Aufmerksamkeit aus den Medien oder von deinem Umfeld wahr?

Nein, mein Alltag hat sich überhaupt nicht geändert. Der ist auch eigentlich ziemlich unspektakulär. Ich bin einfach am Wochenende nicht mehr draußen zum Feiern, daher hat sich dahingehend nicht viel geändert.

Aber ich wurde schon ein, zwei Mal auf der Straße angesprochen. Letztens hat ein Telekom-Mann an der Tür geklingelt, der sich zwar sehr gefreut hatte, aber auch ein bisschen verdutzt war, dass ich die Tür aufmache, weil ich ja "gestern noch im Fernsehen war". (lacht)

Medial hingegen merke ich die Aufmerksamkeit sehr.

Ich habe einen 'Love Storm' auf Social Media bekommen.

Jill

Das ist gleichzeitig sehr schön, aber auch sehr viel und ungewohnt für mich. Ich kann dem Ganzen gar nicht so gerecht werden, weil ich nicht jeder Person einzeln antworten kann, die schreibt.

In Folge 5 teilst du sehr persönliche Einblicke in deine geschlechtliche Transition, also den Prozess der Angleichung an dein empfundenes Geschlecht. Wann hast du erstmals gespürt, dass dein inneres Empfinden nicht mit deinem Körper übereinstimmt?

Ich merkte das eigentlich schon immer. Nur vor der Pubertät war es für mich nicht so extrem wahrnehmbar, weil ich eh immer kurze Haare hatte. Meine Eltern waren auch damit d'accord, dass ich keine Röcke trage und nicht dieses typische Klischee erfülle.

Was nicht heißen soll, dass Jungs heutzutage keine Röcke tragen dürfen. Glücklicherweise haben sich diese Stereotypen hinsichtlich "typisch Mann, typisch Frau" sehr verändert.

Aber in den Achtzigerjahren war es halt einfach noch klischeehafter. Das habe ich vor allem während der Pubertät wahrgenommen. Alle hatten in meinem Freundeskreis erste Freundinnen und Freunde, und ja, das war für mich einfach dann kein Junge vom Gefühl, sondern ich war dann auch heimlich in Mädchen verliebt. Insgesamt war es weniger ein bestimmter Moment, mehr ein Prozess innerhalb des Erwachsenwerdens.

Wie hast du dein Coming-out erlebt? Wie haben Familie, Freund:innen und wichtige Wegbegleiter darauf reagiert? 

Erstmal würde ich gern einen trans* Freund von mir zitieren, Brix Schaumburg. Er steht auch in der Öffentlichkeit (Anm. d. Red.: deutscher Schauspieler) und hat mal in einem Podcast gesagt, dass es eigentlich nicht Coming-out heißen müsste, sondern Coming-in, weil man Menschen einlädt, Einsicht in seinen inneren Bereich zu bekommen.

Man ist dabei niemandem Rechenschaft schuldig. Trotzdem war die Zeit alles andere als einfach. Mein erstes Coming-out hatte ich gegenüber meiner Schwester, vermutlich mit 16.

Das war ganz, ganz schlimm. Da bin ich wirklich richtig zusammengeklappt, fast wie bei einem Nervenzusammenbruch. Sie hat schon befürchtet, ich hätte eine todbringende Krankheit und müsste sterben oder so - und war dann sehr erleichtert. Sie hat das dann auch übernommen und meiner Mutter nahegebracht, weil ich das einfach noch nicht verbalisieren konnte.

Ehrlich gesagt bin ich anfänglich einfach schon zusammengebrochen, wenn ich darüber reden wollte. Aber jedes Mal, wenn ich es geschafft habe, hat es mich stärker gemacht. Es nach und nach dem Freundeskreis anzuvertrauen, war richtig hartes Training.

Als ich dann noch damit in die Öffentlichkeit gegangen bin, war das sehr transformierend und fast schon wie eine kleine Superhelden-Geschichte für mich.

Ich habe richtig schöne Rückmeldungen bekommen.

Jill

Wie hast du deinen Weg zu dir - also zu der Person, die du heute bist - selbst erlebt, und welche Herausforderungen haben dich während deiner Transition besonders geprägt?

Das Leben von jungen Menschen ist durch das Elternhaus, Pubertät, Berufsfindung etc. ja eigentlich schon herausfordernd genug. Bei mir kam zusätzlich dieser Kampf mit mir selbst dazu.

Im Nachhinein nehme ich das sehr positiv wahr, weil ich mir sehr früh die Frage gestellt habe: Wer bin ich überhaupt und was mache ich hier? Dafür bin ich sehr dankbar. Es fühlt sich fast an wie ein Lotto-Gewinn. Denn das Spannende ist: Ich habe anfänglich meinen Körper für mein Unwohlsein verantwortlich gemacht und dachte, wenn ich operiert bin, dann ist endlich alles gut.

Aber drei Monate nach der OP bin ich einfach noch mal in ein ganz tiefes Loch gefallen. Heutzutage sage ich: zum Glück. Denn dadurch durfte ich lernen, dass ein Körper, Äußerlichkeiten, Geld oder Aussehen nie allein zu einer inneren Erfüllung, Zufriedenheit oder Glück führen können.

Stattdessen habe ich angefangen, psychisch und seelisch dieses Loch in mir anzugehen. Da ging die Reise zu mir eigentlich erst richtig los.

Wie ist es heute, als trans* Mann in unserer Gesellschaft zu leben?

Das trans*-Mann-Sein im Alltag spielt eigentlich gar keine Rolle für mich. Das vergesse ich es eigentlich auch, da bin ich einfach Jill.

Aber da ich auch beruflich mit Queerness zu tun habe, spielt es natürlich schon eine Rolle. Beispielsweise kläre ich an Schulen auf, versuche sogar in der katholischen Kirche für Veränderung zu sorgen, vor allem in der nicht-queeren Bubble.

Trotzdem ist meine Transition einer der entscheidendsten Faktoren für meine Entwicklung gewesen und hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin.

Was bedeutet Männlichkeit für dich persönlich? Und wie nimmt dein Umfeld deine Rolle innerhalb des Freundeskreises wahr?

Männlichkeit als solche ist für mich nichts, was mit Geschlechtsmerkmalen zu tun hat. Jeder Mensch, ob Mann, Frau, non-binär oder was auch immer, sollte immer aus einem Yin und Yang an weiblicher und männlicher Energie bestehen.

Früher waren die Erziehungsmethoden und Geschlechterrollen ja noch ein bisschen anders. Auch ich dachte im Laufe meines Prozesses, ich müsse jetzt richtig männlich sein und ich dürfe nicht mehr auf Einhörner und Glitzer-Sachen stehen oder bunte Klamotten tragen. Später habe ich gelernt, dass das natürlich Quatsch ist.

Ich wusste aber auch, was es bedeutet, als Frau in der Gesellschaft wahrgenommen zu werden. Was das für ein Unterschied ist! Ich tendiere eher dazu, zu sagen: Eigentlich müsste man Weiblichkeit im Kern fühlen, um wirklich Männlichkeit leben zu können.

Ich erlebe übrigens auch in meinem Umfeld keine stereotypischen Geschlechterrollen: Ich sehe viele alleinerziehende Frauen, die sind - und ich meine das positiv - viel männlicher als ganz viele Männer, weil sie Verantwortung übernehmen und sich um die Familie kümmern. Und auf der anderen Seite durfte ich leider viele Männer kennenlernen, bei denen das nicht der Fall ist.

Ich glaube, deswegen bin ich für mein engeres Umfeld auch so wertvoll. Mein Inner Circle besteht hauptsächlich aus Frauen. Und da scheint es nicht schlecht anzukommen, dass meine Männlichkeit sanft und trotzdem führend - aber eben nicht bedrohend wirkt. Ich würde schon sagen, dass ich eine Art Anführer bin, der keine Lautstärke, sondern lediglich seine innere Ruhe braucht, um andere zu beruhigen und sich geborgen zu fühlen.

Gab es in deinem Leben Situationen, in denen du mit transfeindlichen Aussagen oder Vorurteilen konfrontiert wurdest - und wie bist du damit umgegangen?

Es hat noch nie jemand vor mir gestanden und angefangen, mich zu beschimpfen oder abzuwerten. Aber ich stand auch schon lange mit meiner trans* Vergangenheit in der Öffentlichkeit, wirke dort und habe beispielsweise auch an trans* Dokumentationen teilgenommen.

Gleichzeitig will ich auch herausstellen, dass es zu meiner Teenie-Zeit kein Social Media gab, und da bin ich tatsächlich ganz froh drüber.

Heute ist es viel einfacher, anonym Hate zu verbreiten.

Jill

Aber selbst dort lässt mich Kritik völlig kalt und ich kann damit mittlerweile richtig gut umgehen. Denn ich weiß, diese Leute haben Probleme mit sich, die sie auf mich projizieren. Sie hassen einfach, weil sie irgendeinen Schmerz in sich nicht aushalten können, und deswegen müssen sie dann irgendwas in ihrem Umfeld zerstören. Ehrlicherweise haben solche Leute aber selten den Mut, dir so eine Kritik persönlich ins Gesicht zu sagen.

Andersherum begegnen mir immer wieder Leute, die noch nie mit so einem Kontext zu tun hatten. Wenn ich dann Interesse und Neugierde begegne und das auf Augenhöhe geschieht, bin ich jederzeit für jegliche Art des Dialogs bereit.

Hast du das Gefühl, dass sich die gesellschaftliche Offenheit gegenüber trans* Menschen in den letzten Jahren verändert hat? Was wünschst du dir für deine eigene Zukunft - und für andere trans* Personen?

Da gibt es so viele Sichtweisen. Wenn ich jetzt zum Beispiel meine Neffen und deren Umfeld ansehe, da ist die Offenheit viel, viel größer geworden. Für sie ist es ganz normal, dass sie mit einem trans* Onkel groß geworden sind. Der Älteste ist jetzt 17. Als ich das erste Mal mit einer Doku im Fernsehen war, war er sechs Jahre alt. Damals hatte er über den ganzen Spielplatz gebrüllt, dass sein Onkel mal eine Frau war, weil er wusste, ich bin im Fernsehen. Das war für ihn wie eine Superheldenkraft.

Aber das ist auch in meinem Freundeskreis so, ich spüre viel mehr Offenheit. Ich komme aus einer eher spießigen Akademiker-Familie - und auch das mein ich gar nicht abwertend. Aber rückblickend war es für die ebenfalls sehr bereichernd, wenn da so ein bunter Vogel daherkommt und die Familie über den Tellerrand schauen lässt. Mit vielen dieser Themen hätten sie sich sonst vermutlich nie beschäftigt und hätten entsprechend weniger offene Einstellungen.

Auch vor der gesellschaftlichen Debatte habe ich keine Angst, selbst mit den schlimmsten Kritikern. Je mehr Gegenwind man bekommt, desto mehr ist etwas auf dem aufsteigenden Ast. Für mich ist das eigentlich ein Zeichen, dass die queere, tolerante Bubble immer größer wird. Genau dann bekommen alteingesessene Menschen in antiquierten Strukturen es mit der Angst zu tun und wollen ganz laut sein.

Aber die queere Szene hat vermutlich noch nie so viel Zuspruch erfahren wie gerade. Und am Ende trägt Diversität doch dazu bei, dass eine Gesellschaft stärker, tragfähiger und bunter wird. Und das wünsche ich mir auch für unsere Zukunft.

Jills Reise bei "German's Next Topmodel" 2026 siehst du immer mittwochs um 20:15 Uhr auf ProSieben und Joyn.


Das volle Paket "Germany's Next Topmodel"


Mehr entdecken