Zwischen Krankheit und Karriere

"Nord Nord Mord"-Star Victoria Trauttmansdorff über ihre Krebserkrankung: "Eine Panik, die bleibt"

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von Johanna Grauthoff

Seit 2018 spielt Victoria Trauttmansdorff die Psychologin Tabea Krawinkel in "Nord Nord Mord".

Bild: IMAGO / Sven Simon


Seit mehr als 20 Jahren ist Victoria Trauttmansdorff krebsfrei - doch die Erfahrung ihrer schweren Erkrankung begleitet sie bis heute. Der "Nord Nord Mord"-Star spricht offen über Angst, Familie, innere Veränderung und darüber, warum der Krebs ihr Leben nachhaltig geprägt hat.


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Eine Diagnose, die alles veränderte

Victoria Trauttmansdorff ist heute 65 Jahre alt, erfolgreiche Schauspielerin, Mutter zweier Töchter und lebt in Hamburg. Die gebürtige Österreicherin steht seit Jahrzehnten auf der Theaterbühne und aus der Film- und Fernseh-Branche nicht wegzudenken. Doch hinter ihrer ruhigen, oft warmen Ausstrahlung verbirgt sich eine Lebensgeschichte, die von einem tiefgreifenden Einschnitt geprägt wurde.

Vor 30 Jahren erhielt der "Nord Nord Mord"-Star die Diagnose Lymphdrüsenkrebs, Morbus Hodgkin. Eine Nachricht, die ihr Leben - und das ihrer Familie - schlagartig veränderte. "Das war eine sehr schwere Zeit. Das Gefühl war schrecklich", erinnerte sich Trauttmansdorff im Interview mit dem Boulevard-Magazin "Bunte".  Besonders die Angst um ihre Kinder habe sie damals kaum losgelassen:

Ich hatte große Angst, dass meine Kinder ohne Mutter aufwachsen müssen, wenn es nicht weiter gegangen wäre.

Victoria Trauttmansdorff

Die eigene Endlichkeit

Die Erkrankung fiel in eine Lebensphase, in der die Schauspielerin Mitte dreißig war, also ungefähr so alt wie ihre Töchter heute.

Die Diagnose Morbus Hodgkin zwang sie, existenziellen Fragen zu stellen - und veränderte ihren Blick auf sich selbst und die Welt nachhaltig. "Es wurde mir sehr bewusst und klar, wie endlich das Leben ist", erklärte sie rückblickend. Heute beschreibt sie sich als ruhiger, weniger nervös und deutlich bodenständiger. "Ich bin viel mehr bei mir", so Trauttmansdorff.

Die Angst der Kinder als Wendepunkt

In dieser schweren Zeit waren ihre Kinder die größten emotionalen Stützen. Auf der Frage der "Bunte", ob ihre Töchter damals schon verstanden hätten, wie ernst die Situation war, antwortete Trauttmansdorff ehrlich: "Ja, meine Ältere schon, ich konnte ihre Angst in den Augen sehen."

Dieser Moment habe sich tief eingebrannt: "Da wusste ich, ich muss es schaffen." Für sie sei klar gewesen, dass Aufgeben keine Option war - auch wenn der Weg durch Therapien und Behandlungen kräftezehrend war.

Zwischen Nähe und Einsamkeit

Obwohl Familie und Freunde für sie da waren, spricht Victoria Trauttmansdorff offen über ein Gefühl, das viele Krebspatient:innen. "Im Endeffekt ist man auch sehr allein", sagte sie. Zwar habe sie ihre Mutter und enge Freunde an ihrer Seite gehabt, "aber mit dem Krebs bist du am Ende doch allein."

Diese Einsamkeit sei schwer auszuhalten gewesen, auch weil sich das Leben plötzlich nur noch um Krankheit, Termine und Therapien drehte. Gleichzeitig habe sie gelernt, sich selbst zu vertrauen und innere Stärke zu entwickeln.

Eine Ehe unter Extrembedingungen

Eine zentrale Rolle in dieser Zeit spielte ihr Ehemann Wolf-Dietrich Sprenger, ebenfalls Schauspieler. Seit 36 Jahren sind die beiden verheiratet. Kennengelernt haben sie sich Ende der 1980er-Jahre am Schauspielhaus Stuttgart während der Proben zu "Kasimir und Karoline" - ein intensives Kennenlernen, das den Grundstein für eine lange Beziehung legte.

Während ihrer Erkrankung musste ihr Mann besonders stark sein. "Ja, mein Mann war sehr tapfer. Am Anfang dachte er, ich sterbe", erzählte Trauttmansdorff offen. In dieser Phase habe sich alles auf sie konzentriert. "Er durfte in dieser Zeit keine Probleme haben, weil ich ja die Hauptgeschädigte war."

Das habe Spuren hinterlassen. Ihr Mann sei innerhalb der Familie zeitweise "ein bisschen in Vergessenheit geraten", sagte sie offen. Zwei Jahre lang hätten sie eine schwierige Beziehungsphase durchlebt - geprägt von Mitleid für sie und emotionaler Zurückhaltung für ihn.

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Schmerz als verbindendes Element

Trotz der Belastung hielt das Paar zusammen. Rückblickend beschreibt Trauttmansdorff diese Zeit als extrem, aber auch verbindend. "Wir haben eine große Intimität erlebt, weil wir viel Schmerz miteinander geteilt haben", sagte sie.

Die gemeinsame Bewältigung der Krankheit habe ihre Ehe letztlich gestärkt. Aus einer existenziellen Krise sei eine tiefere Nähe entstanden - getragen von gegenseitigem Durchhalten und Vertrauen.

Arbeiten trotz Krankheit und Ausnahmesituation

Trotz ihrer Erkrankung blieb Victoria Trauttmansdorff als Schauspielerin aktiv. Die Arbeit gab ihr Struktur und Halt in der Zeit, in der vieles aus den Fugen geraten war. In Filmen wie Bella Martha und Auftritten in der Krimireihe "Tatort" überzeugte sie mit emotionaler Tiefe und Präsenz.

Besondere Anerkennung erhielt sie für ihre Rolle in "Gegenüber", für die sie 2007 für den Deutschen Filmpreis nominiert wurde. Ein Erfolg, der zeigte, dass sie sich auch nach schwersten privaten Erfahrungen künstlerisch weiterentwickeln konnte.

Seit 2018 gehört die Österreicherin fest zum Ensemble der ZDF-Krimireihe "Nord Nord Mord". Als Psychologin Tabea Krawinkel ist sie aus der Serie nicht mehr wegzudenken. Mit feinem Humor und ruhiger Präsenz verleiht sie der Rolle eine besondere Menschlichkeit.

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"Eine Panik, die bleibt"

Gesundheitlich ginge es ihr heute gut. Doch die Angst vor einem Rückfall ließe sie nicht los. "Ja, das hängt wie ein Damoklesschwert über mir. Eine Panik, die bleibt", sagte sie offen. Mit der Krebsdiagnose sei sie damals sofort Teil einer medizinischen Maschinerie geworden: Chemotherapien, Arztbesuche, Kontrolltermine.

Zwar sei dieses System lebensrettend gewesen, "aber es ändert sich alles." Besonders die äußeren Folgen der Therapie hätten sie belastet: "Das Optische - die Haare fallen aus, die Spuren von Kortison im Gesicht."

Eine wichtige Quelle der Hoffnung war ihre Mutter. Diese sei fest davon überzeugt gewesen, dass ihre Tochter überleben würde. "Das hat in mir so viel positive Energie hervorgerufen", erinnerte sich Trauttmansdorff.

Auch heute ist der Krebs Teil ihrer Geschichte. Eine Erfahrung, die Angst hinterlassen hat - aber auch Klarheit, Stärke und einen neuen Blick auf das Leben.

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