Wiesbaden auf die Eins
Liebeserklärung an Felix Murot: Warum er der beste "Tatort"-Kommissar ist
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von Antje WesselsAutorin Antje Wessels schätzt die verrückten "Tatort"-Ausgaben mit Murot (Ulrich Tukur) sehr.
Bild: HR/Senator Film/Dietrich Brüggemann / Frank Dicks
Der Wiesbadener "Tatort"-Kommissar Felix Murot ist anders als alle anderen. Film- und Serienkritikerin Antje Wessels erklärt, weshalb er gerade deshalb ihre Lieblings-Spürnase ist.
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Falls du "Tatort"-Fan bist, dann hast du vermutlich auch einen Lieblings-Kommissar. Ist es eher der oder die sympathische, coole Ermittler:in, oder - wie bei mir - ein ganz und gar außergewöhnlicher? Ich bin begeistert von Felix Murot (Ulrich Tukur), dem zweifellos spannendsten von allen. Seit seinem ersten Fall "Wie einst Lilly" aus dem Jahr 2010 macht der Beamte aus Wiesbaden vieles anders als seine zahlreichen Kolleg:innen - manchmal sogar Dinge, die man von einem klassischen "Tatort" gar nicht erwarten würde. Genau aus diesem Grund ist Felix Murot für mich der beste Kommissar, den diese Reihe jemals hervorgebracht hat. Du brauchst mehr Argumente? Die Liste ist lang.
Warum Felix Murot kein gewöhnlicher Kommissar ist
Ich habe ja bereits geschildert, dass Felix Murot besonders ist. Aber was meine ich damit genau? Zunächst einmal ist da seine herrlich widersprüchliche Persönlichkeit. Murot ist hochintelligent und souverän, seinem Job ganz offensichtlich zu jeder Zeit gewachsen. Aber er ist auch eigenwillig, arrogant und emotional oft nur schwer zu durchschauen. Und schon hier wird es für mich interessant. Denn Murot ist nun mal keiner jener Kommissare, die man unbedingt zum besten Freund haben möchte (oder einfach nur mal kurz mit ihnen an der Currywurstbude stehen). Dafür ist er einer, dem ich unglaublich gern dabei zusehe, wie er einen Fall löst. Schon in seinem Debüt "Wie einst Lilly" bekommt man ein gutes Gefühl dafür, dass hier jemand ermittelt, der sich nicht unbedingt darum schert, wie ein Kommissar sich gefälligst zu verhalten hat. Spätestens im mit dem Grimme-Preis 2014 ausgezeichneten Experimental-Krimi "Im Schmerz geboren" wird daraus endgültig sein Markenzeichen: Murot bewegt sich mit einer Selbstverständlichkeit durch die absurdesten Situationen. Zur Karikatur wird er dabei nie.
Darüber hinaus trägt die Figur des Felix Murot seine eigene Vergänglichkeit quasi ständig mit sich herum. Seine bereits in "Wie einst Lilly" etablierte Krebserkrankung gibt der Figur eine ganz eigene Melancholie, wie im Film "Es lebe der Tod" (2016) besonders deutlich wird. Trotzdem ist Murot nicht einfach nur der Prototyp eines gebrochenen Ermittlers ("Monk" und Co. lassen grüßen). Alles, was ihm widerfährt, nimmt er mit seiner typisch stoischen Gelassenheit hin. Eine äußerst spannende, komplexe Mischung aus gleichermaßen tragischen, komischen als auch verschrobenen Charakterzügen, die sich manchmal innerhalb weniger Szenen abwechseln. Halten wir also fest: Während viele andere "Tatort"-Kommissare vor allem durch ihre Fälle definiert werden, sind Murots Fälle dazu da, neue Seiten an ihm aufzuzeigen.
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Felix Murot wäre nichts ohne Ulrich Tukur
Ulrich Tukur hat von Anfang an verstanden, dass man diese Figur nicht wie einen gewöhnlichen Fernsehkommissar spielen darf. Tukur selbst hatte bei der Entwicklung Murots viel mitzureden und wollte ausdrücklich keinen 08/15-Ermittler, sondern einen Menschen mit inneren Widersprüchen und einer gewissen Fallhöhe.
Dem Darsteller gelingt dabei besonder gut, die Balance zwischen Melancholie und Leichtigkeit zu finden. Murot kann sehr spleenig wirken, ohne dass wir ihn jemals für eine Witzfigur halten würden. Oft reichen ein einziger Blick oder eine kleine, unscheinbare Geste aus, um hinter seine scheinbar unnahbare Fassade blicken zu können - und die verletzliche Person dahinter zu erkennen. Tukurs größte Leistung: In seinen Händen wird aus Felix Murot kein klischeehafter exzentrischer Kommissar. Stattdessen werden in seinen Fällen sämtliche Regeln eines klassischen "Tatorts" über Bord geworfen. Meine These: Die Murot-Fälle guckt man zu gleichen Teilen aufgrund der außergewöhnlichen Inszenierungen als auch aufgrund ihrer grandiosen Hauptfigur.
(v.l.n.r.) Dr. Schneider (Robert Gwisdek), Eva Hütter (Nadine Dubois) und Felix Murot (Ulrich Tukur)
Bild: HR / Senator Film / Dietrich Brüggem
Der "Tatort: Wiesbaden" ist ganz und gar außergewöhnlich
Womit ich beim letzten entscheidenden Erfolgsfaktor der Wiesbadener "Tatorte" wäre: den Filmen selbst. Die Wiesbadener "Tatorte" fühlten sich bislang immer so an, als hätte man ihren Macher:innenn so was gesagt wie: "Macht einfach mal, was ihr wollt!" Aus dieser mutmaßlichen Herangehensweise heraus entstanden einige der außergewöhnlichsten Episoden der gesamten Krimireihe. Das Paradebeispiel ist natürlich "Im Schmerz geboren": ein hemmungsloser Mix aus Gangsterfilm, Western und Shakespeare-Drama. Anleihen an Klassiker wie "Spiel mir das Lied vom Tod" oder auch die Filme von Quentin Tarantino sind hier unübersehbar. Eine Tatsache, die nicht bei allen "Tatort"-Fans gut ankam. Ich dagegen liebe die Chuzpe, mit der Regisseur Florian Schwarz hier zu Werke gegangen ist.
Ein weiteres hervorragendes Beispiel für die Kreativität ist "Murot und das Murmeltier". Darin wird aus dem Kommissar kurzerhand die Hauptfigur einer absurden Zeitschleife-Komödie. So etwas muss man sich erst einmal trauen! Und Regisseur Dietrich Brüggemann hat’s getan. Natürlich geht dieses Experimentieren nicht immer auf. Gerade diese radikale Freiheit der Murot-Filme sorgt immer wieder für gespaltene Reaktionen unter den "Tatort"-Zuschauer:innen. Doch selbst wenn man mit einem Fall doch mal so gar nichts anfangen kann, bleibt er am Ende immer im Gedächtnis. Sie sind besonders und verlassen sich nicht auf die Krimi-Standardformel. Stattdessen probieren sie Genres aus, brechen mit Erwartungen und nehmen dafür auch in Kauf, manch alteingesessenen Fan vor den Kopf zu stoßen. Und an vorderster Front steht Felix Murot. Der beste aller "Tatort"-Kommissare aller Zeiten.
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