Tipps von der Expertin

Liebe ohne Zuckerguss: Diese herrlich unkitschigen Romanzen solltest du kennen

Veröffentlicht:

von Antje Wessels

Kumail Nanjiani und Zoe Kazan sind in "The Big Sick" einfach nur süß zusammen.

Bild: ZUMA Press Wire


Liebesfilme zielen immer auf ein Happy End? Keineswegs! Filmkritikerin Antje Wessels stellt dir fünf Filme vor, die Liebe als etwas Widersprüchliches, Fragiles und manchmal auch Schmerzhaftes zeigen.

Liebesfilme haben es im Kino nicht leicht. Allzu oft folgen sie bekannten Mustern, erzählen von vorherbestimmten Seelenverwandtschaften, großen Gesten im letzten Akt und Gefühlen, die sich exakt - im wahrsten Sinne des Wortes - nach Drehbuch entwickeln. Was als Romantik gedacht ist, wirkt dabei schnell überhöht oder künstlich, sodass es an emotionaler Glaubwürdigkeit einbüßt. Doch der daraus resultierende Kitsch schleicht sich nicht nur über Musik und Bildsprache ein, sondern auch über Figuren, die weniger wie Menschen als wie Projektionen funktionieren. Echte Widersprüche, Unsicherheiten oder Brüche bleiben dabei häufig außen vor. So entsteht eine Form von Liebe, die zwar hübsch anzusehen ist, sich aber seltsam unrealistisch anfühlt. Kein Wunder also, dass viele Zuschauende sich eher wiedererkennen, wenn Filme den Mut haben, eine gewisse (Gefühls-)Unordnung zuzulassen.

Was ist überhaupt Kitsch?

Kitsch ist weniger eine Frage des Themas als der Haltung, mit der Gefühle erzählt werden. Schließlich ist nicht jeder Liebesfilm automatisch kitschig. Stattdessen zeigt er sich im Film dort, wo Emotionen stark vereinfacht oder bewusst verstärkt werden, um möglichst schnell zu berühren. Musik, Bildsprache und Dramaturgie geben dann klar vor, was wir fühlen sollen. Die Bilder sind warm und bedeutungsschwer, Konflikte werden sauber aufgelöst, Figuren bleiben eindeutig und widerspruchsfrei. Das alles ist nicht automatisch negativ. Kitsch bietet dem Publikum eine gewisse emotionale Sicherheit, weil er Orientierung gibt und Unsicherheiten vermeidet. Man darf sich fallen lassen, ohne sich mit offenen Fragen oder unangenehmen Wahrheiten auseinandersetzen zu müssen. Gerade im Liebesfilm tritt diese Form des Erzählens besonders häufig auf, da romantische Gefühle ohnehin zu den stärksten zählen. Kitsch ist deshalb weniger ein Zuviel an Emotion, sondern vor allem ein Mangel an Vertrauen in die Fähigkeit der Zuschauenden, Gefühle selbst zu entdecken und auszuhalten.

Herz mit Schmerz: Diese romantischen Dramen haben es in sich

Umso schöner ist es da, wenn Filme fernab der gängigen Kitsch-Formel von Liebe erzählen. Einer der bekanntesten unkitschigen Liebesfilme der letzten Jahre ist "Blue Valentine". Der Film erzählt keine große Romanze, sondern seziert eine Beziehung zwischen Anfang und Ende, wenn aus Verliebtheit langsam aber sicher emotionale Erschöpfung wird. In fragmentierten Zeitebenen zeigt Regisseur Derek Cianfrance, wie Nähe entsteht und wie sie langsam wieder verschwindet. Das Besondere: "Blue Valentine" verweigert sich klaren Schuldzuweisungen und einfachen Erklärungen, sodass Liebe hier als etwas Fragiles erscheint, das im Alltag schnell zerbrechen kann.


Léa Seydoux und Adèle Exarchopoulos im französischen Liebesdrama "Blau ist eine warme Farbe" (2013).

Bild: ZUMA Press Wire


Einen besonders nachhaltigen Blick auf Liebe über Zeit hinweg wirft Richard Linklaters "Before"-Trilogie. In "Before Sunrise", "Before Sunset" und "Before Midnight" begleitet die Reihe ein Paar über fast zwei Jahrzehnte hinweg und zeigt, wie sich die Gefühle nach und nach verändern. Die Filme verzichten dabei auf große dramatische Ereignisse und konzentrieren sich fast ausschließlich auf Gespräche, Blicke und Zwischentöne. Liebe entsteht hier ganz unaufgeregt im gegenseitigen Austausch. Gerade diese Nüchternheit macht die Trilogie so außergewöhnlich, denn sie erzählt keine perfekte Romanze, sondern eine Beziehung, die sich ständig neu entwickeln muss.

Herz mit Witz: Diese RomComs kommen ganz ohne Kitsch aus

Eine der für mich ehrlichsten romantischen Komödien der letzten Jahre ist "Dating Queen". Der Film verzichtet auf das Motiv des "perfekten Dates" und romantische Idealisierung. Stattdessen erzählt er von den Unsicherheiten, Selbstzweifeln und peinlichen Momenten, die wir alle in der Liebe so oder ähnlich schon erlebt haben dürften. Gerade diese Unbeholfenheit fühlt sich vertraut an. Die Beziehung zwischen Amy und Aaron entwickelt sich nicht entlang klassischer RomCom-Muster, sondern aus Missverständnissen und Verletzlichkeit heraus. Und anstatt über seine Figuren lachen wir bei "Dating Queen" lieber über all die romantische Erwartungen, die so viele kitschige Romanzen bereits in uns entfacht haben.

Zu guter Letzt ist "The Big Sick" ein kleiner, oft übersehener Geheimtipp unter den romantischen Komödien. Obwohl der Film viele vertraute Zutaten mitbringt, entscheidet er sich konsequent für Ehrlichkeit statt Vereinfachung. Der Humor entsteht aus kulturellen Missverständnissen, Unsicherheiten und sehr konkreten Alltagsbeobachtungen heraus. Nicht aus überzeichneten Figuren oder kalkulierten Pointen. Gleichzeitig behandelt "The Big Sick" seine schwereren Themen mit spürbarem Respekt, ohne sie für emotionale Zwecke auszuschlachten. Gerade diese Balance aus Leichtigkeit und emotionaler Tiefe wirkt ungewöhnlich reif. Der Film vertraut darauf, dass Nähe auch dann berühren kann, wenn sie kompliziert, widersprüchlich und alles andere als perfekt ist.

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Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Joyn.de ('Behind the Screens' Deutschland) veröffentlicht.

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