Schatten der Vergangenheit
Armut, Angst und Adoption: "Inspector Barnaby"-Star John Nettles über seine schwierige Kindheit
Veröffentlicht:
von Lars-Ole GrapJohn Nettles 2011 in München: Als Inspector Barnaby wurde er zum Publikumsliebling der britischen Krimiserie.
Bild: IMAGO / Sven Simon
In "Inspector Barnaby" klärt er jeden Fall auf. Im echten Leben hat John Nettles bis heute ein Problem, das sich nicht so einfach lösen lässt: die Angst, dass das Geld ausgeht. Am 11. Oktober wird der Schauspieler 83 Jahre alt.
"Inspector Barnaby" immer montags um 20:15 Uhr auf ZDFneo
John Nettles: Die tragische Geschichte hinter dem "Inspector Barnaby"-Star
John Nettles, der 14 Jahre lang als Chief Inspector Tom Barnaby durch das mörderische Idyll von Midsomer fuhr, kommt aus einer Welt, die mit Teestunden und Kirchenfesten nichts zu tun hatte: aus dem armen Cornwall der Nachkriegszeit, als Kind einer Mutter, die ihn nicht behalten durfte.
Seine leibliche Mutter war eine irische Krankenschwester, die im Zweiten Weltkrieg in England arbeitete. Wer sein Vater war, weiß er bis heute nicht. Adoptiert wurde er vom Tischler Eric Nettles und dessen Frau Elsie. Was mit seiner Mutter geschah, erzählte er 2010 in der Talkshow "Skavlan".
"Die Engländer haben ein Problem mit Sex", sagte er dort. In den Jahren nach dem Krieg habe man mit unehelichen Kindern nichts anzufangen gewusst, und die Mütter habe man behandelt wie Kranke oder Geisteskranke. Seine Mutter sei in eine Anstalt gesteckt worden, "wie eine Art soziale Aussätzige". Dort sei sie "verrückt geworden". Sie starb mit nur 28 Jahren an Tuberkulose. Kennengelernt hat er sie nie. "Ein großes Bedauern", wie er rückblickend feststellt.
"Wir waren die Niedrigsten der Niedrigen": John Nettles Kindheit in Armut
Aufgewachsen ist er in St Austell, mitten im Bergbaurevier von Cornwall. "Wir waren die Niedrigsten der Niedrigen", sagt er bei "Skavlan" über die Klassenverhältnisse. Sein Vater baute Wohnwagen, ein Geschäft, das nach Nettles' Darstellung nicht aufging: Die Herstellung kostete Eric mehr, als er beim Verkauf einnahm. Über dessen Weltbild kann der Sohn inzwischen lachen. Eric habe geglaubt, man müsse nur Churchill und Hitler an einen Tisch bringen, um die Probleme der Welt zu lösen.
Über den Absturz der Familie sprach John Nettles bereits 1999 mit der britischen Zeitung "The Mirror". Als er etwa neun war, ging sein Vater bankrott, wegen einer, wie er sagt, lächerlichen Summe von "so etwas wie 600 Pfund". Seine Adoptivmutter Elsie putzte Hotels und flickte Strümpfe - trotzdem habe es nie gereicht. John fürchtete damals, der Gerichtsvollzieher könne die Möbel abholen. Also riss er Papierfetzen ab und schrieb darauf, die Möbel gehörten seinem Onkel und seiner Tante. Seine Mutter habe versucht, ihre Tränen zu verbergen. Er habe sie trotzdem gesehen.
Die Eltern seien im Schatten der Weltwirtschaftskrise aufgewachsen, der Vater seiner Adoptivmutter sei 15 Jahre arbeitslos gewesen. So habe sich eine Dauersorge im Haus festgesetzt, über Geld wurde ständig gesprochen. Der Vater sei verbittert und einsam geworden, ein stolzer Mann mit dem Gefühl, versagt zu haben. John Nettles erinnert sich, wie sein Vater sich für den Darts-Abend mit Krawatte und polierten Schuhen herrichtete. Er selbst habe vielleicht auf manches verzichtet, aber gemerkt habe das niemand. Dass Mitschüler schönere Blazer trugen, habe ihn nicht gestört. Seinem Vater war es wichtig: Er konnte es nicht ertragen, dass man ihm die Armut ansah.
Später arbeitete John Nettles als Student in den Ferien in den Tongruben. Einmal legte er seinen Lohn auf den Tisch, und es war mehr, als sein Vater in der ganzen Woche verdient hatte. Er habe sich furchtbar gefühlt, weil er wusste, dass es seinem Vater wie ein Beweis des eigenen Scheiterns vorkommen musste.
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John Nettles: Vom ungeliebten Cornwall-Akzent zum berühmten "Inspector Barnaby"
John Nettles studierte Geschichte und Philosophie in Southampton und wollte eigentlich in die Wissenschaft. Auf der Bühne landete er, weil er, wie er sagt, geliebt werden wollte. Heute spricht der Schauspieler jenes Hochenglisch, das man mit der BBC und der gehobenen Gesellschaft verbindet.
Als Kind hingegen sprach er den Dialekt Cornwalls, den man für "Bauernsprache" hielt: "Wenn du so redest, halten dich die Leute für dumm." Er habe sein Leben lang die soziale Leiter erklommen. Die Ironie: Genau dieser Akzent ist heute schwerer zu vermarkten. Früher sei man mit seiner Aussprache als Sprecher für Werbung und Dokumentationen oft gebucht worden. Heute wollten Auftraggeber eher regionale Färbung.
Dass dieser Mann ausgerechnet zum Inbegriff des englischen Kommissars wurde, nimmt er mit Humor. Bei "Skavlan" erzählt er, er sei "der schlechteste Polizist der Welt". Bei einer Schießübung für eine Folge erschoss er die Attrappen unbeteiligter Zivilist:innen, den Terroristen traf er kein einziges Mal. Als die Queen ihn 2010 mit dem Order of the British Empire auszeichnete, hatte er sich vorher bei ihr "vielmals entschuldigt", er habe so viele ihrer Untertanen umgebracht.
2009 kündigte er an, die Serie zu verlassen. Seinen Ausstieg begründet er in der Talkshow mit seinem Privatleben: Er habe mehr Zeit mit Mrs. Barnaby im Bett verbracht als mit Mrs. Nettles. Die Dreharbeiten hätten ihn jedes Jahr monatelang von zu Hause ferngehalten. 2011 endete seine Zeit als Inspector Barnaby nach 81 Folgen.
Sein erster Einsatz als TV-Ermittler: Schauspieler John Nettles (r.) mit seinem Schauspiel-Kollegen Tony Melody 1981 in der britischen Serie "Bergerac ermittelt".
Bild: IMAGO/Cola Images
"Barnaby"-Star John Nettles: Warum er trotz seines Reichtums Angst vor Geld hat
Eric Nettles starb 1970 mit knapp 60 Jahren. John Nettles ist überzeugt, er sei an chronischer Sorge gestorben. Elsie starb Mitte der Achtzigerjahre mit 64 an Krebs. Auch sie, glaubt er, haben die Geldsorgen früh aufgezehrt. John Nettles selbst war da längst ein anderer Mensch. Und doch sagte er 1999, damals Star der Serie "Jim Bergerac ermittelt" und zu Wohlstand gekommen: "Ich habe Angst vor Geld." Gemeint war die Furcht, am Ende mit leeren Händen dazustehen wie seine Eltern. Auch Jahrzehnte später fiel es ihm nach eigener Aussage schwer, sich an den Reichtum zu gewöhnen.
Die Angst hatte Folgen. Weil die Geldsorgen seinen Eltern so viel Unglück gebracht hatten, habe er lange alles in Geld bemessen und auch Menschen danach beurteilt, was sie wert seien. Er nennt sich selbst "verdammt arrogant". Sein Ehrgeiz habe Beziehungen ruiniert, auch seine erste Ehe. Seine emotionale Zurückhaltung hat er oft mit seiner Herkunft erklärt: In Cornwall sei man eher zurückhaltend, wenn es um Gefühle gehe. Dann kam Jim Bergerac - und mit der Rolle begann für ihn ein neues Leben. Der Erfolg brachte ihm finanzielle Unabhängigkeit und Selbstvertrauen. Zuvor, so sagt er, sei er ein frustrierter Schauspieler voller Komplexe gewesen.
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