Vorläufer des True-Crime-Hypes?

"X-Factor: Das Unfassbare" - der Kult ums Paranormale

Veröffentlicht:

von Antje Wessels

Jonathan Frakes moderierte "X-Factor: Das Unfassbare".

Bild: Joyn


Kaum eine Serie hat die Kinder der Neunziger so nachhaltig geprägt wie "X-Factor: Das Unfassbare". Trotz ihres Alters gilt sie bis heute als legendär, wird zitiert, geteilt und diskutiert. Und sie hat einen brandaktuellen Hype vorweggenommen: die Lust am True Crime.

Als "X-Factor: Das Unfassbare" 1997 erstmals im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde, traf die Serie einen Nerv der Zeit. Ursprünglich in den USA als "Beyond Belief: Fact or Fiction" konzipiert, verband das Format Mystery, Horror und dokumentarische Elemente zu einer neuartigen Erzählform. Moderiert von "Star Trek"-Star Jonathan Frakes wurde "X-Factor" besonders in Deutschland schnell zum Quotenhit. Wiederholungen im Nachmittags- und Spätabendprogramm, später auch auf Streaming-Plattformen, festigten den Kultstatus der Serie. Der anhaltende Erfolg zeigt, dass die Mischung aus Alltagsnähe, Spannung und dem Spiel mit dem Übernatürlichen immer noch fasziniert.

So fing es an: Die erste Folge von "X-Factor"


X-Factor und der Erfolgsfaktor Jonathan Frakes

Entscheidend für den Erfolg von "X-Factor": die charismatische Präsenz von Moderator Jonathan Frakes. Mit seiner markanten Stimme, dem unverwechselbaren Auftreten und der Mischung aus Ernsthaftigkeit und subtiler Ironie verlieh er den Geschichten Glaubwürdigkeit und Spannung zugleich. Frakes fungierte nicht nur als Erzähler, sondern auch als subtiler Manipulator der Wahrnehmung. Durch seine Kommentare und Zwischentöne regte er zum Miträtseln an und verstärkte die Ambivalenz zwischen Fakt und Fiktion.

Der aus "Star Trek: The Next Generation" als Captain Riker bekannte Schauspieler brachte einen Bekanntheitsbonus mit, der viele vor die Bildschirme zog. Ohne Frakes' souveräne Moderation und die persönliche Aura, die er jeder Episode verlieh, wäre "X-Factor" kaum zu einem Klassiker geworden. Sein Personenkult trug wesentlich dazu bei, dass die Serie bis heute im Gedächtnis der Fans präsent ist.


"X-Factor": Wie wahr ist wirklich wahr?

Das Konzept von "X-Factor: Das Unfassbare" beruhte auf der spannenden Mischung aus Realität und Fiktion. Jede Episode erzählte mehrere unabhängige Kurzgeschichten, von denen einige angeblich auf wahren Begebenheiten basierten, während andere frei erfunden waren. Moderator Jonathan Frakes löste erst am Ende auf, welche Geschichten "wirklich passiert" und welche erfunden waren. Dieses Spiel mit der Unsicherheit erzeugte nicht nur Spannung, sondern schärfte auch die Aufmerksamkeit der Zuschauenden für Details und Plausibilität.

Allerdings zeigt ein genauer Blick auf die Quellen, dass die als real dargestellten Geschichten oft sehr fragwürdig waren. Viele beruhten auf unvollständigen Zeitungsberichten, anekdotischen Überlieferungen oder Geschichten, die nur in marginal dokumentierten Fällen auftauchten. Namen, Orte oder Daten wurden häufig geändert oder verschwommen dargestellt, um eine dramatischere Wirkung zu erzielen. Dadurch verschwimmt die Grenze zwischen Fakt und Fiktion noch stärker, und die "wahren" Geschichten wirken teilweise wie sorgfältig inszenierte Legenden. Diese Umstände führen unweigerlich zu der Frage, wie authentisch die dargestellten Realfälle tatsächlich waren. War "X-Factor" in erster Linie eine Sammlung mysteriöser Begebenheiten - oder vielmehr ein cleveres Spiel mit der Idee von Wahrheit und Unfassbarem? Diese Antwort ist uns Jonathan Frakes bis heute schuldig.


Wie "X-Factor" den True-Crime-Hype vorwegnahm

In Struktur, Erzählweise und Themen weist "X-Factor: Das Unfassbare" zahlreiche Parallelen zum heutigen True-Crime-Genre auf. Auch wenn sie formal dem Mystery- und Gruselsegment zugeordnet wird. Ein zentraler Berührungspunkt ist die Tatsache, dass viele Episoden auf angeblich wahren Begebenheiten, Zeitungsberichten oder realen Kriminalfällen beruhen. Ähnlich wie bei True Crime wird dem Publikum zu Beginn häufig suggeriert, dass es sich um reale Ereignisse handelt, beziehungsweise handeln könnte. Dies erzeugt eine dokumentarische Glaubwürdigkeit und verstärkt die emotionale Wirkung. Die Geschichten drehen sich oft um rätselhafte Todesfälle, verschwundene Personen oder ungeklärte Verbrechen. Klassische Themen, die auch True-Crime-Formate aufgreifen.

Darüber hinaus nutzt "X-Factor" eine investigative Dramaturgie: Ein ungewöhnliches Ereignis wird rekonstruiert, verschiedene Perspektiven werden gezeigt, Indizien verdichtet und am Ende steht entweder eine überraschende Auflösung oder bewusstes Nichtwissen. Dieses Spiel mit offenen Fragen, Unsicherheiten und Interpretationsspielräumen entspricht stark der Faszination von True Crime, bei dem Zuhörende und Zuschauende selbst mitermitteln und Theorien entwickeln können. Auch der Fokus auf psychologische Motive - etwa Gier, Schuld, Angst oder Rache - verbindet beide Genres, da nicht das Monster, sondern der Mensch im Zentrum des Grauens steht.

Außerdem reizvoll für True-Crime-Fans: Die Serie bedient reale Ängste. Das titelgebende "Unfassbare" geschieht nicht in fernen Fantasiewelten, sondern im Alltag. In Familien, Nachbarschaften und scheinbar sicheren Umgebungen. Die Mischung aus sachlicher Präsentation, moralischer Ambivalenz und dem leisen Zweifel, ob nicht doch etwas Wahres an den Geschichten steckt, erzeugt genau jene beklemmende Faszination, die auch True Crime so erfolgreich macht.


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