Betroffene berichten

Ausstieg mit Folgen: Soziale Ächtung bei den Zeugen Jehovas

Veröffentlicht:

von Nina Lindemann

Galileo

Zeugen Jehovas: Der harte Weg raus aus der Religionsgemeinschaft

Videoclip • 18:33 Min • Ab 12


Die Zeugen Jehovas versprechen Halt, Gemeinschaft und Rettung. Doch wer ihnen den Rücken kehrt, zahlt oft einen hohen Preis. Für Anna und Bogdan Dilaj bedeutete der Ausstieg nicht nur den Verlust ihres Glaubens, sondern auch den Kontaktabbruch mit Familie und Freunden sowie schwere psychische Folgen.

Wie kommt man zu den Zeugen Jehovas?

Offiziell erklären die Zeugen Jehovas, sie würden die Bibelbotschaft aus "Liebe zum Nächsten" mit jedem teilen und Menschen in Krisen nicht gezielt anwerben. Anna und Bogdan machen andere Erfahrungen. Ihre Familien werden in einer schwierigen Lebensphase angesprochen - kurz nach der Ankunft in Deutschland, auf der Suche nach Halt und Anschluss.

Der Psychologe Dieter Romann, der seit über 40 Jahren Aussteiger:innen begleitet, kennt solche Situationen gut:

Menschen, die sich einem Kult anschließen, haben zu dem Zeitpunkt mehrere Probleme gleichzeitig

Psychologe Dieter Romann

Was zunächst folgt, fühlt sich für viele wie ein Geschenk an. Romann beschreibt das starke Solidaritätsgefühl so: "Ich gehe in ein Land, wo ich niemanden kenne. Und auf einmal aber habe ich durch die Glaubensgemeinschaft ganz viele Brüder und Schwestern im Geiste".

Auch Anna und Bogdan erleben die Verbundenheit jahrelang als positiv. Dennoch müssen sie sich schon früh vor Außenstehenden rechtfertigen. "Wir waren oft bei der Rektorin gewesen und mussten dann unseren Glauben verteidigen", erinnert sich Bogdan. Erst Jahre später kommen die ersten Zweifel.

Knallharte Regeln und psychischer Druck

Das Leben der Mitglieder richtet sich vollständig danach, ihrem Gott Jehova zu gefallen. Dazu gehören zahlreiche Verbote: bestimmte Musik, Geburtstage oder Weihnachten sind tabu. Hinzu kommt die Pflicht, aktiv zu predigen.

Das ganze Leben besteht eigentlich daraus, dass man predigen geht.

Aussteigerin Anna Dilaj

Der Druck ist hoch, oft vermittelt über Angst. "Man hat uns gesagt, wenn man nicht von Haus zu Haus klingeln geht, lädt man Blutschuld auf sich. Das heißt, wenn ich nicht versuche, andere zu retten, dann kann ich auch nicht gerettet werden", berichtet Anna. Offiziell betonen die Zeugen Jehovas, niemand werde zu seinen Pflichten gezwungen.

In der Praxis ist der Einfluss der Gemeinschaft jedoch so groß, dass viele Mitglieder große Angst vor einem Ausstieg haben. Denn wer die Regeln infrage stellt, riskiert nicht nur seinen Glauben, sondern sein gesamtes soziales Umfeld.

Wie es zu ihrem Ausstieg kam

Anna und Bogdan sind über Jahre Zeugen Jehovas. "Ich hab das alles geglaubt, ich wollte nicht sterben, ich wollte alles für Gott jetzt machen und ich war bereit dafür", sagt Anna rückblickend.

Doch Bogdan leidet zunehmend unter Depressionen. Der innere Druck wächst, Zweifel werden stärker. Während einer Versammlung erreicht seine Verzweiflung einen Tiefpunkt. Er denkt daran, sich das Leben zu nehmen.

In dieser Situation beginnt er Aussteigerblogs über die Zeugen Jehovas zu lesen. Dort stößt er unter anderem auf Berichte über den Umgang der Zeugen Jehovas mit Missbrauchsfällen. Besonders erschüttert ihn, dass solche Vorwürfe intern nach der sogenannten Zwei‑Zeugen‑Regel behandelt werden - ein System, das Betroffene oft zum Schweigen zwingt.

In Gesprächen mit Ältesten sucht Bogdan Antworten. Klare Erklärungen bekommt er nicht. Auch für Anna bricht in dieser Zeit ein Weltbild zusammen.

Für mich ist ab diesem Zeitpunkt die rosa-rote Brille abgefallen, weil ich das Gefühl hatte, dass uns vieles verheimlicht wird.

Aussteigerin Anna Dilaj

Für Bogdan steht schließlich fest: Er kann nicht bleiben. Er schreibt einen offiziellen Austrittsbrief und übergibt ihn persönlich einem Ältesten. Wenig später wird sein Name in der Versammlung öffentlich verlesen.

Ein paar Monate später folgt Anna. Auch ihr Austritt wird vor der gesamten Gemeinde bekannt gegeben. Ab diesem Moment gilt sie offiziell als ausgeschlossen. Der Kontakt zu ihr wird innerhalb der Gemeinschaft vollständig abgebrochen. Kein Anruf. Kein Gruß. Kein Gespräch. "Und dann war Funkstille", sagt Bogdan.

Der Ausschluss trifft Anna und Bogdan hart. Von einem Tag auf den anderen verlieren sie ihr gesamtes soziales Umfeld - Freunde, Familie, ihren Alltag. Besonders schmerzhaft ist für Anna der Kontaktabbruch zu ihrer Zwillingsschwester. "Ich hoffe jeden Tag, dass irgendeine Nachricht von ihr kommt", sagt sie. "Nächsten Monat haben wir beide Geburtstag, unser 30. eigentlich. Und ich weiß, dass ich diesen Tag ohne sie verbringen werde."

Psychologe Dieter Romann kennt diese Erfahrung von vielen Aussteiger:innen: "Die Erfahrung, die ein Kultaussteiger macht, ist zutiefst Trauer. Ähnlich wie wenn tatsächlich jemand gestorben ist."

Wie Anna und Bogdan versuchen, nach diesem Bruch ein neues Leben aufzubauen und welche Erfahrungen sie bei den Zeugen Jehovas noch machten, erfährst du im Video.


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