Über Krise, Klarheit und Zukunft
GNTM-Juror Kilian Kerner im Exklusiv-Interview: "Ich kann nichts mehr unausgesprochen lassen"
Veröffentlicht:
von Nicholas VogelNach schweren Monaten atmet Kilian Kerner wieder - persönlich wie kreativ.
Bild: Kilian Kerner
Kilian Kerner steht an einem Wendepunkt, getragen von kreativer Kraft und persönlicher Offenheit. Exklusiv spricht der Designer darüber, was bleibt, wenn Sicherheiten bröckeln, und wie aus Schmerz neue Klarheit entsteht. Ein Gespräch über Mode, Menschlichkeit und den Mut weiterzugehen.
Weltstars wie Céline Dion, Lady Gaga und Heidi Klum tragen seine Entwürfe, seit über 20 Jahren prägt seine Handschrift die internationale Modeszene, und bei "Germany's Next Topmodel" ist er längst eine feste Größe. Doch noch nie war Kilian Kerner so nah bei sich selbst wie in diesem Moment - an einer Schwelle, an der Erfolg auf Verletzlichkeit trifft und Veränderung unvermeidlich wird.
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"Ich atme wieder": Kilian Kerner im Exklusiv-Interview
In diesem exklusiven Interview zeigt sich der Berliner Autodidakt nahbar, reflektiert - und so offen wie nie zuvor. Er spricht über seine tiefe Verbundenheit zu GNTM und zu Heidi Klum, über Instinkt und Entscheidungen, die Karrieren formen, und über die unbequemen Wahrheiten einer Branche, die Glanz liebt, aber Härte verlangt.
Vor allem aber erzählt Kilian Kerner von Monaten, die alles verändert haben. Von Krankheit, einer schweren Operation, posttraumatischer Belastungsstörung und Trennung. Von einer Zeit, die er selbst als "Hölle" beschreibt, und die zugleich zum Ausgangspunkt eines radikalen Wandels wurde. Der Gewichtsverlust, der neue Stil, die veränderte Präsenz sind sichtbar. Doch sie erzählen nur von außen, was sich innen vollzogen hat: ein neues Verhältnis zum Leben, zur Liebe, zu sich selbst. "Ich atme wieder", sagt der 47-Jährige. Ein Satz, der weit über körperliche Genesung hinausgeht.
Aus diesem Spannungsfeld entstand "Burning Symphony", seine bislang persönlichste Kollektion, die er am 3. Juli zur Fashion Week in der Skatehalle Berlin präsentiert: 30 Looks, geboren aus Schmerz und Klarheit, getragen vom Willen, weiterzugehen. Paris liegt hinter ihm, Los Angeles vor ihm - offen, ohne festen Plan, aber mit neuem Atem.
"Ich liebe den Menschen hinter dem Model" - Kilian Kerner über GNTM, Heidi Klum und echte Entwicklung
Lieber Kilian, die diesjährige GNTM-Staffel war bereits dein sechstes Jahr als Gastjuror. Was fasziniert dich an dem Format bis heute?
Kilian Kerner: Dieses Format liebe ich von Anfang an. Dass ich mal ein Teil davon sein werde, hätte ich damals auch nicht gedacht. Ich liebe es einfach, neue Menschen zu sehen, ihren Weg zu beobachten, ihre Entwicklung. Den Mensch hinter dem Model kennenzulernen. Und Heidi natürlich.
GNTM ohne Heidi ist wie Gyros ohne Zaziki. Geht nicht.
Inzwischen bist du fester Teil der GNTM-Familie. Wie hat die Verbindung zu Heidi Klum und ihrer Show eigentlich begonnen?
Heidi und ich haben uns 2013 in L.A. kennengelernt - und sie meinte damals schon: "Wieso haben wir noch nie was zusammen gemacht?" Das hat dann tatsächlich noch etwas gedauert. Und über die Jahre hat sich ein sehr schönes Vertrauensverhältnis aufgebaut. Heidi ist einfach großartig. Ich liebe, was sie ausstrahlt. So viel Glück und Zufriedenheit. Das finde ich bewundernswert. Und ihren Humor schätze ich sehr.
Kilian Kerner bei GNTM 2026: Jetzt die Folge mit dem Star-Designer kostenlos streamen
Wenn du an eure erste Begegnung zurückdenkst: Was war dein erster Eindruck von Heidi?
Lustig, offen, direkt. Wir haben uns auf einer Party von Elton John kennengelernt. Sie trug ein Versace-Kleid. Wir haben direkt geplaudert. Es war eine schöne Begegnung. Sie liebte die Hose, die ich anhatte. Habe ihr dann direkt eine geschickt.
Was macht sie so besonders - und was wird an ihr oft unterschätzt?
Heidi ist eine Granate. Bei allem, was sie macht. Diese Frau hat eine unfassbare Power, sie hat Humor, sie ist offen - und macht, was sie will. Das schätze ich an ihr. Sie ist einfach sie selbst. Das trauen sich nicht viele, so echt zu sein. Und man kann einfach sehr viel Spaß mit ihr haben und tolle Gespräche führen. Da gibt es mittlerweile schon sehr viele schöne Momente, an die ich mich immer gerne erinnere.
Deutschland sollte mehr Stolz zeigen, was Heidi angeht.
Was sie geleistet hat und erreicht, hat in ihrem Leben. Großartig. Und ich finde, sie wird immer schöner.
Gern gesehner GNTM-Gastjuror an Heidi Klums Seite: Kilian Kerner.
Bild: ProSieben/Max Montgomery
Du hast viele GNTM-Kandidat:innen auf ihrem Weg begleitet. Woran erkennst du in wenigen Sekunden, ob jemand internationales Potenzial hat?
Das macht Klick im ersten Moment. Der ist so oft entscheidend. Wie damals bei mir und Dascha. Für mich einer der schönsten Momente in meiner GNTM-Zeit. Und Pierre. Der Junge macht alles richtig. Er hat Fragen gestellt, zugehört und es umgesetzt. Ich freue mich sehr über seinen Erfolg und seine Entwicklung. Toller Mann.
Du sagst: "Du wirst nur erfolgreich, wenn du dir nach GNTM den Arsch aufreißt." Ist Talent am Ende überschätzt?
Talent ist der Anfang von allem. Aber es reicht nicht aus, um erfolgreich zu werden. Durchsetzungsvermögen, Ehrgeiz, Biss, die richtigen Leute um sich haben, vor allem wenn es mal nicht gut läuft. Akzeptieren, dass es Zeit braucht, bis der richtige Moment da ist. Und der Glaube an sich selbst, der muss da sein. Und vor allem: Schau in den Spiegel und sei ehrlich zu dir selbst. Finde deine Sparte, in der du Erfolg haben kannst.
Es ist nicht immer Gucci und Prada, sondern halt auch mal Adidas oder Joghurt.
Und das ist vollkommen okay. Modeln ist so viel mehr als High Fashion.
Nach über 23 Jahren in der Branche: Was ist die unbequeme Wahrheit über das Model-Business, die viele erst nach GNTM lernen?
Die Härte, die Ablehnung, das immer wieder aufstehen. Jeden Tag sich aufs Neue begutachten zu lassen. Da brauchst du ein dickes Fell. Das kann schon auch oft weh tun. Aber hey, das geht nicht nur den Models so. Als Designer ist das auch nicht anders. Immer wieder aufstehen, Krone richten und lächeln.
"Ich kann nichts mehr unausgesprochen lassen": Zwischen Klartext, persönlicher Hölle und innerem Wandel
Kilian Kerner spricht offen über Kritik, gesundheitliche Grenzen und die Kraft, trotzdem weiterzumachen.
Bild: Kilian Kerner
Seit Jahren begleitest du GNTM auch auf YouTube im "Topmodel-Talk" mit Ramon Wagner - mit klaren Worten, die nicht allen gefallen. Trifft dich Kritik noch - oder hast du dir längst ein dickes Fell zugelegt?
Nein, die Kritik trifft mich nicht. Es gab eine Folge dieses Jahr, da hat es mich genervt. Es war die zweite Folge, die Ramon und ich zusammengedreht haben. Ich bin dieses Jahr später eingestiegen, da es gesundheitlich vorher nicht möglich war. Auch die Folge zu drehen hat mich unfassbar viel Kraft gekostet. Wie jede Folge 2026.
Ich war noch ziemlich neben der Spur, da ich mich einfach nicht konzentrieren konnte. Ich wollte aber auch unsere Zuschauer nicht enttäuschen und habe das durchgezogen.
Es haben sich so viele beschwert, ich wäre furchtbar in der Folge gewesen. Da habe ich mich gefragt: Wieso soll ich das weitermachen? Für mich war es eine Qual, Fernsehen zu schauen, alles vorzubereiten. Diese Staffel den Talk zu drehen, war echt ein Tanz auf dem Drahtseil. Weil es mir einfach lange nicht gut ging und meine Konzentration irgendwo war. Nur nicht bei mir.
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In deiner Instagram-Reihe "Kerner & Klartext" beantwortest du sehr offen auch unbequeme Fragen. Warum dieser Weg - und was kostet dich diese Transparenz?
Die Idee ist letztes Jahr im November entstanden, da wir im Team gesagt haben, wir brauchen mehr "Kilian" auf Instagram. Für mich ist es aber schwer, mein Privatleben auf Social Media zu zeigen, da ich das meiste einfach schützen will. Da kam mir die Idee dieses Videoformates.
Es hat mich sehr viel Kraft gekostet. Vor allem in der Zeit, als wir gedreht haben. Das war in der absoluten Hochphase meiner posttraumatischen Belastungsstörung, die durch die Ereignisse der Krankheit und der OP ausgelöst wurde. Mich so zu öffnen, war okay. Ich wusste genau, wie weit ich gehe und wie weit nicht. Worüber ich nicht reden will, beziehungsweise bis zu welchem Teil ich jede Geschichte erzähle.
Ich habe mich öffentlich noch nie so nackt gemacht wie bei 'Kerner & Klartext'.
Aber trotzdem habe ich auch vieles geschützt, in der Art, wie ich es beantwortet habe. Aber ich denke, die Menschen haben mich dadurch ein Stück weit besser kennengelernt. Um ehrlich zu sein, bin aber auch froh, dass das Format ganz bald endet. Sich jede Woche aufs Neue mit intensiven vergangenen Themen zu beschäftigen, was reinkommt, was nicht. Sich das immer wieder anzuschauen, um die Folgen zu planen. Das war nicht immer leicht und oft tränenreich.
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15 Kilo weniger, Sport, gesündere Ernährung, neuer Look: Du wirkst heute wie ein anderer Mensch. Was war der Auslöser für diesen Wandel?
Ich bin heute ein anderer Mensch. Meine optische Veränderung hat bereits letztes Jahr im Oktober angefangen.
Ich habe in Wien einen Preis bekommen und hatte das erste Mal seit Jahren wieder einen Anzug an. Ich habe Jahrzehnte immer eine College-Jacke und ein schwarzes T-Shirt getragen. Ich war es so dermaßen satt. Ich habe mich an dem Abend sehr wohlgefühlt und dachte, jetzt ist es Zeit, etwas zu ändern. Dann habe ich noch die Paris-Ankündigung gemacht, schon in einem komplett anderen Look für mich.
Ich habe angefangen, mich damit zu beschäftigen, wer ich denn noch sein könnte - und habe schon im Dezember angefangen, neue Sachen zu shoppen. Das erste waren zwei Paar Schuhe. Mal keine Sneaker mehr. Die Öffentlichkeit hat das dann so richtig das erste Mal auf der Fashion Week in Berlin und in Paris mitbekommen. Und bei "Kerner & Klartext".
Die Dauerwelle habe ich im Januar gemacht, da ich seit 23 Jahren die gleiche Frisur hatte. Ich konnte es nicht mehr sehen.
Kilian Kerner im Style-Wandel (v. l.): bei den Dreharbeiten zur 21. GNTM-Staffel im Herbst 2025, bei den Vienna Awards in der Wiener Hofburg im Oktober, bei seiner Paris-Ankündigung Anfang Januar 2026 sowie mit neuer Frisur bei der Berliner Fashion Week Ende Januar.
Bild: ProSieben / Daniel Graf, picture alliance / Starpix, Kilian Kerner, picture alliance / AAPimages/Timm
Das Abnehmen, nun ja, ich habe mich in meinem Körper nicht mehr wohlgefühlt. Ich wollte tatsächlich schon ein paar Kilo verlieren. Dass es dann so viele wurden und dass es so radikal schnell ging, lag an der OP und den Auswirkungen, die sie hatte. Als ich aus dem Krankenhaus kam, lag ich eine Woche lang nur im Bett.
Mir ging es psychisch so schlecht, dass ich nicht aufstehen konnte, nichts gegessen habe und auch kaum getrunken habe.
Ich konnte nicht duschen, nichts. Mein Haus hat, glaube ich, gerochen wie ein Affenkäfig. In der Woche habe ich schon extrem viel abgenommen. Essen konnte ich fast drei Monate kaum. Ich hatte keinen Hunger, keinen Appetit. Da ging nicht viel. Die OP und ihre Auswirkungen, dazu die Trennung zur gleichen Zeit. Essen war nicht mein Freund in dieser Zeit.
Das Abnehmen, die Looks, der Sport, das sind die Sachen, die die Öffentlichkeit sieht. Aber was viel wichtiger für mich ist, ist das, was in mir passiert ist. Wenn du nach einer OP aufwachst und dir gesagt wird, dass das mit deiner Atmung während der OP nicht mehr so funktioniert hat: Es hat einfach alles in mir verändert. Mein Mindset ist ein anderes. Meine Einstellung zum Leben, zur Liebe, zu Menschen, zu mir. Das alles hat sich verändert und tut es auch immer noch. Dafür bin ich dankbar.
Ich koste das Leben so viel mehr aus, als ich es jemals getan habe.
Wo sieht man diese Veränderung besonders?
Es fängt bei Kleinigkeiten an. Fernsehen gucken zum Beispiel. Ich kann das kaum noch. Ich will raus und 1000 Dinge unternehmen. Neues erleben. Neues für mich entdecken. Ich habe mit 47 mit dem Führerschein angefangen und ich liebe Autofahren so sehr. Ich liebe es plötzlich, Boot zu fahren.
Der schlimmste Gedanke für mich nach der OP war, dass es, wenn etwas schiefgegangen wäre, noch so viel Unausgesprochenes gegeben hätte. Ich spreche jetzt immer alles aus, was ich denke und fühle. Alles. Ich kann nichts mehr unausgesprochen lassen. Weil es gar nicht mehr anders geht. Mein Kopf ist so dermaßen davon gesteuert, dass ich morgen nicht mehr leben könnte, dass ich nichts mehr nicht ausspreche. Ich muss alles sagen, was ich fühle. Ich kann sonst nicht einschlafen.
Ich versuche jeden Tag, die beste Version von mir zu sein und zu werden. Immer wieder zu schauen, was ich wirklich will und wohin und mit wem und was ich nicht will und was ich denke und fühle. Ich muss das Gefühl haben, ich habe den Tag wirklich genutzt und damit verbracht, was heute dran war. Was es auch immer ist. Und da ist sehr viel anderes dabei als in der Vergangenheit. Es ist nicht immer leicht, aber es ist vor allem eins: wunderschön.
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Von Ende November 2025 bis Ende April 2026 bist du "durch die Hölle gegangen": Diese Monate der "Krankheit" hätten alles verändert - deine Sicht auf das Leben, die Liebe und die Endlichkeit. Worauf blickst du heute anders als noch vor einem Jahr?
Auf alles. Ich hätte nie gedacht, dass man sich so schnell so krass verändern kann. Natürlich bin ich immer noch Kilian, mit meinen Werten und so. Aber mein Handeln, mein Denken, mein Fühlen - da hat sich vieles verändert. Ich war immer schon ein sehr ehrlicher Mensch, der gesagt hat, was er denkt, aber das ist noch mal anders geworden.
Ich kann's gar nicht beschreiben, aber ich fühle jeden Tag in mich hinein und weiß genau, was in mir abgeht. Meine Prioritäten und meine Interessen haben sich komplett verschoben. Und ich liebe mich heute für ganz andere Sachen als all die Jahre zuvor. Ich war immer stolz darauf, was ich erreicht habe, der erfolgreiche Modedesigner zu sein. Heute liebe ich mich für andere Dinge.
Ich sehe jetzt meinen wahren Wert - und das ist so schön.
Ich bin so viel mehr als nur der erfolgreiche Modedesigner. Und das weiß ich heute. Das erste Mal in meinem Leben.
Du schreibst, du stehst heute als "komplett anderer Kilian" da. Wer oder was hat dich in dieser Zeit getragen, als gefühlt nichts mehr ging?
Meine engen Freunde, meine Mutter, meine Therapeutin und ich mich selbst. Und ich habe zwei neue Menschen in meinem Leben, mit denen ich "professional" an mir gearbeitet habe und auch noch arbeite. Mit denen habe ich unzählige Stunden über alles geredet, was in mir vorging. Sie haben mir vieles gezeigt und klar gemacht. Auch gerade was die Selbstvorwürfe angeht, die ich mir mache über das, was ich mir während der Fashion Week in Berlin angetan habe. Es wäre alles nicht so ausgeufert, hätte ich in der Zeit anders gehandelt.
Ich habe auch extrem viel geschrieben. So gut wie jeden Tag. Meine ganzen Gedanken auf unzähligen Seiten. Wie Tagebücher, die schon eher fast Bücher sind. Und so viele Briefe, Gedanken, manchmal auch nur ein, zwei Sätze. Alles, was in mir abging, habe ich aufgeschrieben. Das ist echt schön. Ich habe es mir vor Kurzem noch mal alles durchgelesen. Das war krass. Diesen ganzen Verlauf der letzten Monate noch mal zu lesen. Wie ich mich an jedem Tag gefühlt habe. Die Veränderungen über die Monate schriftlich vor mir zu haben. Das war heftig.
Meine Assistentin hat mir ein leeres Buch geschenkt, in das ich alles reinschreiben sollte, was ich fühle und was in mir vorgeht. Und wenn es fertig ist, dann sollte ich es verbrennen. Das habe ich gemacht mit meiner Freundin Melanie zusammen. Ich habe die Asche vor meinem Haus vergraben. Das Verbrennen und Vergraben tat sehr gut, aber ich habe auch extrem geweint dabei.
In deinem Statement heißt es: "Ich atme wieder." Was bedeutet dieser Satz für dich?
Die Zeit vor der OP mit den Schmerzen, diesen krassen Medikamenten, und die Zeit nach der OP waren absoluter Horror. Das mit dem Atmen während der OP, das Gefühl, danach über Monate nicht mehr richtig durchatmen zu können. Die posttraumatische Belastungsstörung, die Depressionen. Es war einfach nicht auszuhalten.
Ich hatte so heftige Weinanfälle über Monate, ich wusste nicht mal, dass man so viel überhaupt weinen kann. Jeden Tag. Und egal wo. Draußen, im Taxi, in der S-Bahn, auf der Straße, im Flugzeug, am Flughafen. Einfach überall.
Gott sei Dank ist das heute schon viel, viel besser. Es passiert hin und wieder noch, ich kann das nicht kontrollieren, aber es ist wirklich viel besser geworden. Ich habe wieder Spaß an Dingen und ich kann auch wieder lachen. Und das nicht nur für die Öffentlichkeit und Instagram. Sondern auch wieder für mich.
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Krise, Paris, Amerika: Warum Kilian Kerner jetzt nach vorn blickt
Monate voller Schmerzen, Angst und Verlust - und gleichzeitig der größte berufliche Erfolg deiner Karriere: Aus diesem Spannungsfeld ist deine neue Kollektion mit dem Titel "Burning Symphony" entstanden.
Ich habe monatelang nicht mehr wirklich gearbeitet. Erst durch die Schmerzen, dann durch die Folgen der OP. Und die Trennung von meiner großen Liebe hat den Rest dazu beigetragen. Es ging einfach nicht. Mich an den Schreibtisch zu setzen, war nicht möglich.
Ich habe Paris gemacht, aber die ganzen Vorbereitungen hat meine Assistentin gemacht. In Paris gab es Momente, die habe ich aufgeregt und auch mal schön wahrgenommen. Aber zum Beispiel der Showtag, der existiert für mich nicht. Das war, als wäre ich nicht dabei gewesen.
Dann war ich noch zweimal in Thailand und habe gedreht. Das hat am Set gut funktioniert, das Drehen habe ich sehr genossen - aber abends im Hotel: der blanke Horror. Gleichzeitig gab es beim zweiten Aufenthalt in Thailand Momente, in denen ich alles loslassen konnte. Ich bin jeden Abend nackt in meinem Pool geschwommen, das erste Mal in meinem Leben, und habe mich sehr frei dabei gefühlt. Weit weg von dem ganzen Übel zu Hause.
Im Flugzeug zurück nach Berlin hatte ich dann einen Nervenzusammenbruch. Ich habe plötzlich so Panik verspürt, mein Leben nicht mehr in den Griff zu bekommen, dass mich das alles, was passiert ist, so beherrscht. Es war Mitte April und ich hatte nur die Idee für die Kollektion, aber keinen einzigen Entwurf. Das konnte so nicht weitergehen. Und dann wusste ich plötzlich: Etwas anderes muss her. Ich brauche jetzt was anderes.
Es gab zwei Optionen, dort oben in 11 Kilometer Höhe: eine Weltreise oder ein Umzug nach L.A. Ich habe mich für L.A. entschieden.
Als das klar war, hat sich was verändert. Mir haben alle zugesprochen und gesagt: "Ja Kilian, genau das ist es, mach das. Das ist absolut das Richtige."
Ich bin dann ein paar Tage später nach Hamburg zu meinem Stylisten gefahren und wir haben geredet. Über meine Idee für die Kollektion - und wir haben besprochen, was ich machen kann. Dann bin ich nach Hause gefahren und wollte zehn neue Entwürfe machen, um mich nicht unter Druck zu setzen, und den Rest aus alten Sachen in neuen Stoffen umsetzen.
Eine Woche später habe ich mich hingesetzt und angefangen zu entwerfen. Zwei Tage lang. Wie im Rausch. Alles, worüber wir geredet haben, habe ich wieder über Bord geworfen und mich in die Entwürfe reinfallen lassen.
Und dann war sie fertig. 30 komplett neue Looks. Nichts mehr von wegen alte Teile neu machen.
Ist "Burning Symphony" für dich ein Abschied - oder ein Neuanfang?
Es ist weder ein Abschied noch ein Neuanfang. An so was glaube ich nicht.
Ich muss und will nichts hinter mir lassen, sondern einfach weitergehen und weitermachen. Wie wir es alle sowieso jeden Tag tun.
In dieser Kollektion geht es um all das. Die körperlichen und seelischen Schmerzen, die OP, die Folgen, nicht mehr richtig geatmet zu haben, die Trennung, posttraumatische Belastungsstörung und auch das Aufstehen und Weitergehen.
Kilian Kerner bei der Arbeit: In seinem Atelier sichtet er Stoffe und Farbproben für neue Entwürfe.
Bild: Kilian Kerner
Du schreibst, dass du mit kaum einer Kollektion einen persönlicheren Blick auf dich selbst zulässt. Wo steckt Kilian Kerner in "Burning Symphony" am deutlichsten?
Es gibt sehr viele Teile, in denen man meinen Schmerz und meine Zerrissenheit der letzten Monate sehen wird. Wie das umgesetzt ist, will ich noch nicht verraten. Aber ich habe mein Herz und meine Seele in diese Kollektion geworfen. Wie diese Show wird, wird man sehen. Entweder heule ich die ganze Zeit oder bin vielleicht einfach mal kurz glücklich. Keine Ahnung. Lassen wir es mal passieren.
In diesem Jahr hast du dein Debüt auf der Paris Fashion Week gefeiert. Was hat dir dieser Moment bedeutet - und war das erst der Anfang?
Tja, was hat er mir bedeutet. Was soll ich sagen. Ich fühle es leider nicht. Ich finde die Kollektion mega, tolle Fotos, tolle Videos - und es sind auch ein paar schöne Momente in meinem Kopf, ganz klar. Aber das war's. Vielleicht verstehe ich es im Oktober, wenn wir wieder in Paris zeigen. Darauf freue ich mich schon.
Ab Oktober verlegst du deinen Lebensmittelpunkt für sechs Monate nach Los Angeles. Warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt für diesen Schritt?
Das war und ist ein Gefühl, dass es jetzt dran ist. Ich liebe L.A. seit Jahren. Ich habe so viele schöne Erinnerungen an L.A. Immer wenn ich da war, hatte ich eine unglaubliche Zeit. Immer. Und jetzt ist es Zeit, dort mehr Zeit zu verbringen. Ich freue mich sehr drauf, auch wenn ich Riesenrespekt davor habe.
Kilian Kerner wagt den größten Schritt seines Lebens. Er verlässt seine Heimat Berlin und zieht im Oktober in die Stadt der Engel: Los Angeles.
Bild: Kilian Kerner
Internationale Stars wie Céline Dion und Lady Gaga tragen deine Designs. Was willst du in den USA erreichen, das von Deutschland aus nicht möglich wäre?
Das weiß ich noch nicht. Aber ich werde natürlich versuchen, das Ganze vor Ort zu pushen. Selbst Kontakte durch meine Agenten zu knüpfen. Menschen kennenzulernen. Es wird eine spannende Zeit werden.
Los Angeles statt Berlin: Ist das ein Abenteuer auf Zeit - oder kannst du dir vorstellen, Deutschland dauerhaft hinter dir zu lassen?
Darüber denke ich nicht nach. Schauen wir mal, wie das halbe Jahr wird. Wer weiß, was die Zukunft bringt. Ich sage jetzt nicht ja, aber auch ganz klar nicht nein. Ich will einfach offenbleiben.
Hand aufs Herz: Woran würdest du in fünf Jahren erkennen, dass sich der Schritt in die USA wirklich gelohnt hat?
Darüber denke ich auch absolut nicht nach. Mein Leben ist jetzt, nicht in und nicht vor fünf Jahren. Heute vor fünf Jahren war alles ganz anders, als es jetzt ist. Ich war so unglaublich und unfassbar verliebt. Ich hatte meine ganz große Liebe getroffen und war irgendwo zwischen Mond und Paradies gelandet. Und auf eins kann man sich immer verlassen und genau darauf verlasse ich mich jetzt auch wieder: Es wird sich vieles weiterbewegen in den nächsten fünf Jahren. Wo, wie, wann, was und mit wem, das werden wir heute in fünf Jahren wissen. Dann können wir uns ja gerne noch mal unterhalten. Ich freue mich drauf.
Und wir uns erst. Herzlichen Dank für deine Zeit - und das ausführliche Gespräch.
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